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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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„Schwarze Grütze“ schenkt Hochprozentiges zum Fest

MAINZ – Stille Nacht, heilige Nacht? Ein Abend mit dem Kabarettduo „Schwarze Grütze“ ist weder still, noch ist Stefan Klucke und Dirk Pursche irgendetwas heilig. Wird auf den Weihnachtsmärkten derzeit gerne „Glühwein mit Schuss“ getrunken, so verzichten die beiden Potsdamer Kabarettisten nur zu gerne auf die klebrig-süße Plörre und schenken gleich hochprozentig ein.

Das Weihnachts-Special mit dem bezeichnenden Titel „Endstation Pfanne – was bleibt ist eine Gänsehaut“ darf man ruhig wörtlich nehmen, denn stimmungsvoll bekommt hier alles, was bei 3 nicht auf dem Christbaum ist, eins übergebraten: mit gallig scharfem Humor in Wort und Lied.

Immer wieder wird ein Türchen des Adventskalenders aufgemacht – ein Haus, in dem Weihnachten mal ganz anders gefeiert wird. Oder etwa doch nicht? Hinter den Fenstern verbergen sich bunt verpackten Schokotalern gleich garstige Geschichten zum Fest: vom Knaben, der aus Angst vor dem W-w-w-weihnachtsmann diesen erschießt, vom rotnasigen Rentner Rudolf, der das Fest der Feste am nahen Imbiss mal wieder rauschend ausklingen lässt, vom Christfest als „bedeutendstem Kindergeburtstag der Welt“ oder eben vom „Suizid als Lebensaufgabe“.

Da ist sie, die angekündigte Gänsehaut. Doch das Unwohlsein, mit derart realitätsnaher Fiktion konfrontiert zu werden, lacht sich schnell wieder weg – eigentlich ein gutes und sicherlich probates Mittel dem Gefühlsdusel der Vorweihnachtszeit zu begegnen – hier ist „Schwarze Grütze“ durchaus in guter Gesellschaft.

Den Abend über hängen Klucke und Pursche kugelgleich ihre pikanten Pointen und fiesen Farcen auf: „Warum sein Kind nicht Adolf nennen?“, singt Klucke ein kreislerisch anmutendes Couplet – der Stammtisch fordere doch schon lange wieder einen. Die Weihnachtsgeschichte nach Lukas wird selbst für Pu(ch)risten haarsträubend unterhaltsam neu gedichtet und vom Heiligen Abend in Bitterfeld erzählt, wo Omas Leiche jedes Jahr für alle Kirchgänger sichtbar ins Fenster gesetzt wird, um zur Finanzierung der Weihnachtsgans weiterhin ihre Rente kassieren zu können.

Da ist sie schon wieder, diese Gänsehaut. Aber die Grütze für das Weihnachtsessen ist eben schwarz wie der Humor dieser beiden Kabarettisten, übrigens zwei fulminante Musiker an E-Gitarre und -Bass, Klavier und unter ferner Liefen auch Blockflöte sowie Geige.

Worauf mag man sich an einem solchen Abend besinnen? Vielleicht darauf, nicht alles so ernst zu nehmen, denn zwischen all den Nadelstichen frisch vom Baum servieren Stefan Klucke und Dirk Pursche auch durchaus ernst gemeinte Scherze: Da wird einem amerikanischen Brausekonzern für die Erfindung des Weihnachtsmanns gedankt und einmal schlittengleich durch die Welt der Werbung gebraust; da verweigert sich Pursche dem adventlichen Konsumterror und gedenkt der Menschen, die auch am 24. Dezember arbeiten müssen: „Zum Beispiel Frauenhausmeister…“

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