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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Lachend in den Abgrund schauen

MAINZ (5. April 2011). Warum klopft einem dieser Ohrwurm aufs Trommelfell, obwohl man auf der Bühne doch ganz andere Töne hört: „I bin a bayrisches Cowgirl“, sang der bajuwarische Schlagerstar Nicki in seiner Mundart – und hatte Erfolg. Ebenso unverfälscht, wenn auch tiefgründiger und viel authentischer kommt der gesungene Spott von Martina Schwarzmann daher. Mit der Klampfe in der Hand sorgt sie landauf landab für ausverkaufte Häuser – und auch im Mainzer Unterhaus ist die Kleinkunstpreisträgerin des Jahres 2007 nicht nur ein wirtschaftlicher Erfolg: So wörtlich kann ein Programm genommen werden: „Wer Glück hat kommt“ – wenn er denn noch ein Karte erhaschen kann.

Im vergangenen Jahr ist Schwarzmann Mutter geworden und machte sich auf den Kleinkunstbühnen verhältnismäßig rar. Doch nicht nur Töchterchen Johanna erblickte das Licht der Welt, sondern auch dieses neue Programm. Wem es nicht gefällt, für den hat Schwarzmann eine Erklärung: „Ich litt an Still-Demenz – und da habe ich es geschrieben.“ Und ungeniert brüstet sie sich: „Mein Mann ist neben Kate Moss eingeschlafen und neben Dolly Buster aufgewacht.“ Das Bajuwarische wird hier herrlich direkt gepflegt und die Reime sitzen derart passgenau, dass sich selbst das Derbe in feine Spitze(n) kleidet.

Natürlich spielt ihre Kleine schon eine große Rolle – nicht nur im realen Leben: Mama Martina regt sich gesungen über die Kindbetatscher („Ja, wer kommt denn da?“) auf und überlegt, ob sie nicht demnächst mal eher einen gestandenen Gänsebaten ausfährt. Doch anstatt letal loszuballern, würde sie sich schon damit begnügen „nur so a bisserl ins Knia zu schiaßen“. In Schwarzmann schlummern also humorige Abgründe, in die sie das Publikum nur zu gerne schauen lässt: Intim-Piercing am Baggersee, Taubenerziehung oder Missionieren wie Jehovas Zeugen, allerdings mit dem Playboy in der Hand.

Der klassische britisch-schwarze Humor wird bei Martina Schwarzmann weiß-blau eingefärbt, wenn sie in ihren Zwischenmoderationen vom alltäglichen Wahnsinn erzählt – und den findet sie immer und überall: im Laubpuster, der sieben Blätter vor sich her peitscht oder im Kampf gegen die Maulwürfe, den sie jetzt mit Hansi Hinterseer-Beschallung gewinnen möchte.

Bestechend kommt auch das Blättern in den Bildern der Kindheit daher, wenn sie sich in der Retrospektive an ihren 15. Geburtstag erinnert, denn verliebt und sitzen gelassen trifft sie ihre Jugendliebe heute hinter dem Bankschalter und besingt angesichts des aus dem Leim Gegangenen das Glück über den unerfüllten Wunsch. Überhaupt ihre Adoleszenz im bayerischen Überacker, wo es weder Apfelschorle, noch Zucchini oder Homosexualität gab! Und trotzdem hat Martina Schwarzmann einen bemerkenswert treffenden Blick für das Wesentliche und Lächerliche daran entwickelt.

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