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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Mit dem Skalpell der Ironie

MAINZ (23. März 2017). Eigentlich müsste man Saskia Kästner ja böse sein: um der Bilder wegen, die sie einem da im kleinen Unterhaus in den Kopf gezaubert hat. Um ja nichts zu verpassen, machte man sich während der Vorstellung diverse Notizen – umsonst, erinnert man sich doch auch so an die Geschichten. Und obwohl es doch um Ärzte und Kliniken geht, schmerzt es sehr – oder wahrscheinlich deswegen.

„Schwester Cordula liebt Arztromane“ heißt das wunderbare Spektakel, das Kästner mit ihrem Akkordeon-Spieler Dirk Rave auf die Bühne zaubert. Im weißen Habitat samt Kompressionsstrumpf schickt sie sich an, mit Originalzitaten gespickt die Handlung von „Ich bin an meinen Eid gebunden“ vorzutragen: Oberarzt Dr. Jürgen Hartmann (natürlich gutaussehend und mit diesem neckischen Grübchen, wenn er lacht) verliebt sich in Kinderärztin Dr. Elke-Maria Dalberg.

Doch weil das allein nicht die Seiten jener Groschenromane füllt, sind da auch noch der neue Klinikchef, Konsul Felix von Roggenkamp und dessen Tochter Judith, die ebenfalls ein Auge auf den schmucken Halbgott in Weiß geworfen hat. Von Roggenkamp verunglückt, Dr. Hartmann operiert ihn am offenen Herzen, Judith lässt sich von einem Kollegen schwängern und behauptet, Hartmann sei der Vater, Dalberg verzweifelt, Judith kollabiert, der Oberarzt rettet sie mit einer in Deutschland noch nicht zugelassenen Methode, die Patientin ist geläutert – alle sind glücklich.

„Heile Welt für das kranke Gemüt“ verspricht Saskia Kästner und liefert mit ihrer Adaption jener Groschenheftchen einen herrlich komischen Abend: Die Absurdität der vorhersehbaren Handlungen wird mimisch und gestisch gekonnt auf die Spitze getrieben. Gleiches gilt auch für „Russische Rache“ um die junge Missionsschwester Ruthie Bernau, die im afrikanischen Busch ihre unglückliche Liebe vergessen will und stattdessen auf Dr. Peter Sutton trifft; natürlich hat sie auch mit den Ränken der sibirischen Internistin zu kämpfen. Oft sind es nur kleine Details, die der Show zusätzlich Kontur geben: das Piepen des Herz-Oszillographen auf dem Akkordeon oder ein kurzer Ausstieg aus der Erzählung, um die lausige Handlung spöttisch zu kommentieren.

Herrlich sind die Momente, in denen Kästner nach Fachpersonal im Saal fragt, weil sie in den Stories auf offenbar medizinischen Unsinn gestoßen ist. Als Dr. Hartmann sich den Weg zum Herzen des Konsuls erst durch allerhand Gedärm freischaufelt, hält Schwester Cordula kurz inne: „Ich glaube, es gibt hier ein paar Ungereimtheiten.“

Zusammen mit knackigen Gesangseinlagen paddeln Kästner und Rave munter an der seichten Oberfläche und durchnässen ihr Publikum dabei gleichsam mit ironischen Fontänen. Fazit: Wäre Gutenberg der Inhalt von Arztromanen schon damals bekannt gewesen, hätte er diese Idee vom Buchdruck mit beweglichen Lettern wahrscheinlich für sich behalten…

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