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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Göttliche Finger, Arme und Beine

FRANKFURT (11. Februar 2015). Gut, der Abend ist noch vergleichsweise jung, als man aus der Alten Oper in die kalte Februarnacht hinaustritt. Doch man selbst ist gänzlich erfüllt vom eben Gesehenen: „Shadowland“, jene buchstäblich traumhafte Show des Tanztheaters Pilobolus, wird einen so schnell nicht mehr loslassen.

Dabei war das, was man in den vergangenen 70 Minuten sah, eigentlich gar nichts Spektakuläres: Schattenspiel, jene uralte und einfache Darstellungsform der Bühnenkunst. In Frankfurt jedoch ist sie plötzlich modern, spätestens dann, wenn die Tänzerinnen und Tänzer zur Zugabe im Gegenlicht die Skyline der Mainmetropole und ihren Namen bilden.

Die neunköpfige Truppe, die hier auf der Bühne eine Geschichte erzählt, nutzt das Spiel mit Licht und Schatten unglaublich mitreißend und berührend: Ein Mädchen schläft – unzufrieden mit sich, will es doch erwachsener sein. Im Traum erlebt es eine Metamorphose: Wie der berühmte Finger aus Michelangelos „Die Erschaffung Adams“ wird es von einer göttlichen Macht verwandelt und muss fortan hundsköpfig durchs Leben springen, wobei es allerlei Abenteuer erlebt. Verfolgt und ausgelacht landet es in einem Zirkus, kann fliehen, ertrinkt fast, wird gerettet und findet erst durch ein anderes Mischwesen, einen Zentaur, zu sich selbst. Jetzt akzeptiert es sich und wehrt den göttlichen Finger fast ab, als der sie zurückverwandelt und Morpheus‘ Armen entreißt.

Die Geschichte ist wunderschön. Und sie wird durch Pilobolus derart intensiv erzählt, dass man sich im Schwarz-Weiß des Schattenspiels verlieren möchte: Musikalisch untermalt geht es unglaublich flink zur Sache. Katzengleich huschen und hechten die Tänzer über die Bühne. Das Theater findet vor und vor allem hinter der riesigen Leinwand statt. Gearbeitet wird mit Licht und Schatten, Nähe und Distanz, Schnelligkeit und retardierendem Moment. Das Schattenspiel ist zwar „nur noch“ zweidimensional, doch verstehen die Mimen, ihrer optischen Dichtung durch wenige Requisiten die Räumlichkeit wiederzugeben und durch Rasanz fast eine vierte Dimension zu schenken.

Das wichtigste Darstellungsmittel dabei bleibt der menschliche Körper, aus dem sich atemberaubende Figuren modellieren lassen. Allein der Hundekopf des Mädchens: Ein abgewinkelter Arm gibt die Schnauze, eine Hand wird zur hechelnden Zunge oder zum wackelndem Ohr – zauberhaft! Die Körperbeherrschung ist enorm – die Belastung sicherlich auch: Jeder Griff muss sitzen und mit einer beeindruckenden Sicherheit wissen die Tänzer genau, wie ihre Gesten hinter dem Vorhang im Publikum erscheinen. Man gäbe etwas darum, wüsste man selbst nur halb so gut, wie andere einen wahrnehmen.

Bei aller Faszination des Schattenspiels möchte man aber zuweilen lieber hinter den Vorhang sehen: Wie verbiegen sich die Tänzer, um einen Tisch, eine Qualle oder ein Auto darzustellen? In manchen Szenen sieht man genau das, wenn die Leinwand hochgezogen wird und die Akrobaten ihre Kunst vorführen. Doch genau dann wünscht man sich wieder das Blendwerk, möchte wissen, wie genau diese Figuren als Schatten wirken. Man will eben immer das, was man nicht hat, selbst wenn man sich die Gegenwart Sekunden zuvor herbeigesehnt hat – irgendwie ist die Ausgangssituation des kleinen Mädchens auch die eigene.

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