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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Sigi Zimmerschieds „Hirnrisse“: Humor ganz in Schwarz

MAINZ – Schwarzer Tisch und schwarzer Stuhl auf dunkler Bühne vor gleichfarbigem Vorhang – das ist die Kulisse, vor der der bayerische Kabarettist Sigi Zimmerschied sein aktuelles Programm „Hirnrisse“ spielt. Natürlich trägt auch er Schwarz, denn selbstverständlich ist auch der Humor, auf dem die Aus- und Einlassungen des Passauers basieren, von einer abgründigen Schwärze.

Der römische Dichter Horaz forderte seinerzeit von einer Rede, dass sie nützen und erfreuen möge. Wo sich die Comedy oft nur noch auf die Unterhaltung stürzt, konzentriert sich Zimmerschied für den, der zuhören mag, auf beide Aspekte und taucht als alter Haudegen des Kabaretts bewaffnet mit dem Passauer Scharfrichterbeil in die Untiefen der Aktualität hinab. Fündig wird er dabei immer.

Mittlerweile hat Zimmerschied sein Publikum typisiert: vom Einser bis zum Zwölfer. Nullen gibt es genug im Land, aber auch die „verharzten Vierer“ und Elfer und Zwölfer, die zum Lachen lieber in den Keller gehen. Wer in welche Kategorie passt, erfährt man, wenn Zimmerschied ein munteres Vorabendserien-Raten veranstaltet und anhand dessen die Sinnlichkeit der deutschen Sprache dokumentiert. Die sei oft nur noch rudimentär vorhanden und der Kabarettist fordert bereits Ornithologen ein, um das Geplärre der rechtsradikalen Jugend zu dechiffrieren.

Bei Sigi Zimmerschied muss man allerdings ebenfalls höllisch aufpassen, um alles mitzubekommen – Niederbayern ist nun mal nicht Hannover und der schnarrende Dialekt des Passauers erfordert die ganze Aufmerksamkeit des Publikums. Aber hat man sich erst einmal eingehört, erfährt man Erstaunliches.

So ist bei der Bundeswehr „seit Stalingrad der Wurm drin“: „Früher ist man mit Panzern einmarschiert, heute bringt man Verbandspackerl.“ Zimmerschied hält zuweilen gnadenlos drauf, empfiehlt, die deutschen Soldaten lieber gleich postlagernd nach Kabul zu schicken und bezeichnet „den Heldentod mittlerweile als Alternative zur Massenarbeitslosigkeit“. Dabei sei „das, was da heute verheizt wird“, die erste Playstation-Generation, die ja bereits ballerspielerprobt sei: „Die merken das dann gar nicht mehr.“

Ein weiteres Ziel, das Zimmerschied mit einem Flächenbombardement an galligen Pointen bedenkt, ist die Kirche. Da wird der polnische Katholizismus zum Geheimdienst und der „BND im Opus Dei zur Sternsingerkombo“. Auf seinem Bayernbesuch habe der Oberhirte von Beckstein erfahren, dass die organisierte Kriminalität vor Ort chancenlos sei: „Da bekommst Du als Papst erst mal einen Schreck.“

„Hirnrisse“ ist ein Ein-Personen-Stück aus Komödie, Tragödie sowie Drama und Zimmerschied reißt sein Publikum mit seinen Tiraden in einen Strudel der Stile und Wirrwarr des Witzes. Er monologisiert mit tragender Stimme und tritt neckisch in den Dialog mit dem Publikum, das er stets mit einem bohrendem Blick bedenkt, der vielleicht noch eine Spur peinigender ist als die direkte Ansprache.

Ein Kabarettabend mit Sigi Zimmerschied, dem Kleinkunstpreisträger von 1979, ist nichts für schwache Gemüter und seichte Unterhaltung Suchende. Ein „ganz orthodoxer Kabarettist“ könne und wolle er nicht sein, beteuert er auf der Bühne und spielt mit Hingabe die Rolle des Salzes in der Suppe.

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