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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wütendes Crescendo

MAINZ (29. Januar 2018). Zugegebenermaßen ist man etwas zwiegespalten nach diesem Abend mit dem eigentlich ja grandiosen Duo Simon & Jan. Mit ihren Liedern haben sie sich in die Herzen zahlreicher Fans und 2017 den Deutschen Kleinkunstpreis ersungen. „Halleluja“ heißt ihr aktuelles Programm, das dritte der Nordlichter. Doch irgendwie fehlt eine Klammer, die die Lieder bindet.

Trotzdem: Das, was Simon Eickhoff und Jan Traphan da auf der Bühne treiben, sucht seinesgleichen. In absoluter Harmonie sind die beiden Gitarristen und Sänger buchstäblich aufeinander abgestimmt. Sie singen von Kunst („Früher Schrott und heute Art.“), bekennen, dass sie sich aufgrund einer Jungpferde-Aversion auf dem Ponyhof des Lebens unwohl fühlen und auch die Zuckerwatte des Daseins wegen Diabetes verschmähen. Es geht auch um die Zusammenhänge zwischen automobiler Größe und anatomischer Ausstattung der Fahrer.

Jan hat die Rolle des sympathischen Moderators übernommen und sorgt damit für Abwechslung, denn seine Art der Intonation leidet zuweilen unter einer gewissen Redundanz, an der man sich zu schnell satt zu hören droht. Das wäre allerdings äußerst schade, denn musikalisch wie sprachlich sind die beiden äußerst originell. Und haben ihre Botschaften: So singen sie mit Blick auf den unerträglichen Rechtspopulisten Höcke von der AfD, dass man jedem Nazi ein Mahnmal in den Nachbargarten setzen solle. Und Jan geht weiter: Statt Kunst für Nazis fordert er „Kunst aus Nazis: Etwas Beton – irgendwann knicken die ein.“

Das Duo agiert subversiv, will Terroristen mit niedlichen Katzenvideos locken und Salafisten Honig um den Bart schmieren, verspricht gar, „auf Arschgeigen Sinfonien zu spielen“. „Weil ich kann“ heißt ein anderes, wütendes Lied, mit dem sie in gnadenloser Selbstreflexion die Werteverschiebung in der Wohlstandsgesellschaft spiegeln, wobei sich der Zorn in einem blutvollen Crescendo Bahn bricht.

Simon und Jan arbeiten bemerkenswert kreativ mit dem Loop, der gerade aufgenommene Tonspuren wiederholt und Gesang wie Gitarrenspiel des Duos zum Chor anschwellen lässt, worunter jedoch die Textverständlichkeit phasenweise leidet. Zum Glück nicht zu sehr, so dass man ihre Gedanken zum Tanz der Hormone zwischen Pubertät und Midlife-Krise hört und gebannt dem Lied lauscht, das dem Vorgängerprogramm „Ach Mensch“ seinen Titel gab: Hier gehen Simon und Jan mit den Religionen dieser Welt harsch ins Gericht und beschreiben die Diskrepanz zwischen Botschaft und Wirklichkeit ohne Gnade. Das aktuelle Programm hat seinen Namen übrigens vom letzten Song des Abends, einer anrührenden Coverversion von Leonard Cohens „Hallelujah“.

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