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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Munteres Spiel mit dem Tabubruch

MAINZ (26. September 2013). Mit dem Weg zur Macht ist das so eine Sache, wie der aktuelle Ausgang der Bundestagswahl zeigt: Wenn einem der Wunschpartner für die nötige Koalition so gänzlich flöten geht, ist es gar nicht so einfach, Bündnisse zu schmieden. Den beiden jungen Kabarettisten Jasper Diedrichsen und Moritz Neumeier ist dies jedoch gelungen, weswegen sie ihrem Programm auch gleich jenen Titel mit dem ungemütlichen Beigeschmack gegeben haben: „Machtergreifung“.

Der scharfe Gout zieht sich dabei durch den gesamten, leider recht kurzen Abend: Das Duo „Team & Struppi“, das in diesem Jahr zu Recht als beste Newcomer der Szene mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet wurden, kennt keine Tabus. Und man redet laut und deutlich Klartext, auch wenn es mit der Machtergreifung in der schleswig-holsteinischen Heimat eben noch nicht geklappt hat.

Die für den Sieg vorbereiteten Reden werden natürlich trotzdem gehalten: Über die Jugendkriminalität, an der wer Schuld hat? Die Jugendlichen natürlich! Gefordert wird auch eine Kastrationspflicht für alle Banker; dass diese ohnehin beschnitten seien, habe man jüngst im „Stürmer“ gelesen. Immerhin hätte einem das dritte Reich damals die Entscheidung, ob man dagegen sein wolle, eher leicht gemacht: „Wir Jugendliche haben es heute viel schwerer.“

Das waren noch die harmloseren Scherze, mit denen „Team & Struppi“ dumpfe Stammtischparolen in bissigen Witz umwandeln. Schließlich hat man das meiste vorsorglich gestrichen, die Zensur für den Abend jedoch fallen gelassen. Aber auch, wenn man nach so mancher Pointe die Luft durch die Zähne zieht – der Zynismus des Duos kitzelt einen dann ja doch und die gute Laune, mit der die beiden wie übermütige Lausbuben den rechten Populismus ad absurdum führen, ist ansteckend. So wollen sie flächendeckend den Hitlergruß wieder einführen: um den Nazis die verführerische Geste abzunehmen.

„Über manche Themen dürfen Sie keine billigen Witze machen“, belehren die Künstler ihr Auditorium: „Dafür sind wir ja da und wir machen das professionell.“ Hinter allem galligen Klamauk wird jedoch deutlich, dass sich Diederichsen und Neumeier durchaus ernste und ernst zu nehmende Gedanken über eine Gegenwart machen: „Wir sind nicht im Wiederstand, sondern ständig anwidert.“ Jeder habe schließlich die Kaufkraft, die er verdiene und in der Pflege werde gestrichen, weil sie nicht zum Wachstum beitrage: „Außer dem von Tumoren.“

Protest gießen „Team und Struppi“ daher fast schon zwingend in ätzende Satire. Dass sie dabei die Toleranz des Publikums zuweilen arg ausreizen, nehmen die beiden dabei billigend in Kauf, denn die Sympathie des Publikums haben sie durch ihre lockere Frechheit allemal.

Weitere Informationen und Termine gibt es im Internet unter http://teamundstruppi.wordpress.com.

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