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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Mit Phantasie gegen die Alternativlosigkeit

MAINZ (14. November 2012). Ohne seinen Kollegen zu nahe treten zu wollen: Das, was Thomas Freitag mit seinem aktuellen Programm „Der kaltwütige Herr Schüttlöffel“ derzeit auf den Kleinkunstbühnen der Republik gibt, gehört mit zum besten, was hier seit langem gespielt wird: ein Theaterstück fernab der Posse und doch von hohem Unterhaltungswert, ein klares Deuten der Gegenwart ohne in Pessimismus zu verfallen und eine verständliche Botschaft, die die Illusion als Chance begreift. Kurz: Thomas Freitag spielt Kabarett par excellence.

Das Publikum im Unterhaus gibt die gaffende Menge vor der Stadtbibliothek, die Sparzwängen zum Opfer fallen soll. Darin verschanzt hat sich der kaltwütige Herr Schüttlöffel, wehrt sich mit Goethe- und Busch-Versen, hat 5.800 papierne Geiseln und will nicht verhandeln: „Geben Sie wenigstens die Frauenromane und Kinderbücher heraus“, schallt es durchs Megaphon, doch Schüttlöffel bleibt stur – am staatlichen Kulturmord will er nicht mitwirken.

Hier findet bewusst keine Produktivität statt, auch wenn McKinsey schon die Öffnungszeiten und Buchtitel ändern wollte: „Aus dem ‚Leben eines Taugenichts‘ wollten sie ‚Der Taugenichts macht eine Umschulung‘ machen.“ Und während einem Gespräch mit einem heutigen Verleger müsste Schiller seine „Räuber“ wohl zum schwedischen Krimi umschreiben, der in Cornwall spielt und in dem sich der weibliche Held mit Intimpiercing und Burnout herumschlägt.

Im Inneren der Bibliothek, die durch wenige Regale überzeugend auf die Bühne skizziert ist, steht der Bibliothekar und protestiert: gegen die Politik der schwarz-gelben Regierung, die aufgrund ihrer Tatenlosigkeit quasi unangreifbar ist, gegen die Wirtschaft mit ihren Ausrufezeichen und Optimierungszwängen, die Bildungsmisere und den Niedergang der Sprache. Da zitiert er die ausschweifend formulierte Duell-Szene in Shakespeares „Romeo und Julia“ und stellt ihr den heutigen „Dialog“ einer solchen Situation gegenüber: „Isch mach‘ Disch Krankenhaus!“

Doch Freitag sieht nicht nur die anderen, die „da oben“ in der Verantwortung: Versonnen blättert er in einer Marx-Schwarte und tritt mit Perücke und Rauschebart als Autor selbst hinterm Regal hervor. Da der nicht mehr gelesen wird, kann er auch mal shoppen gehen und Socken kaufen: drei Paar für knapp drei Euro. Anhand dieser Kurzwaren sinniert der Theoretiker über den Kapitalismus, Kritik an den bösen Bankern einerseits und die eigene Gier nach guten Konditionen andererseits, den Zusammenhang von billigen Preisen und Ausbeutung der Menschen und Ressourcen: „Proletarier aller Länder vereinigt Euch? Aber nicht, um für 30 Euro mit dem Kegelclub nach Mallorca zu fliegen!“

Freitags Schelte ist klug, weil nicht ohne Selbstkritik: Er weiß, dass wenn man den Finger auch mahnend ausstreckt, drei weitere auf einen selbst zeigen – schließlich freut sich auch Marx über das Schnäppchen. Der Primat aus Kafkas „Bericht für eine Akademie“ stellt fest, dass es der Mensch als erstes geschafft habe, die Evolution umzukehren, indem er sich selbst zum Affen mache.

Und trotzdem setzt der kaltwütige Herr Schüttlöffel der Alternativlosigkeit die Phantasie entgegen: „Unser Land ist mehr als ein Standort, Europa mehr als eine Währung und der Mensch mehr als Humankapital!“ Man sollte auf ihn hören…

Weitere Informationen und Termine gibt es im Internet unter http://www.thomasfreitag.com.

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