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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Tim Fischer singt Georg Kreisler

MAINZ – Ist er wieder da? Nein, aber es klingt so: Tim Fischer, einer der leuchtenden Sterne am Himmel des Chansons, hat sich stimmlich die dicke Hornbrille des legendären Georg Kreisler, der seit 2001 nicht mehr auftritt, stibizt und intoniert die „Gnadenlose Abrechnung“, ein Programm von bekannten und weniger geläufigen „Everblacks“ des garstigen Österreichers. Das aber mit einer Hingabe, die vergessen lässt, dass das grantelnde Urgestein eigentlich kaum erreicht werden kann.

Was er mit anderen Idolen des Humors gemein hat: Loriot, Heinz Erhardt oder, etwas internationaler die Monty Python-Truppe – ihre Stücke zu spielen verleitet viele Künstler – leider – immer wieder dazu, sie möglichst originalgetreu zu kopieren, was eigentlich stets zum Scheitern verurteilt ist. Diese Gefahr umgeht Fischer, indem er die Lieder für sich sprechen lässt.

Er spart sich viele Worte, leitet schnörkellos von einem zum nächsten Lied über. Und tatsächlich haben die Lieder Kreislers auch heute noch zündende Brisanz: Das „Tauben vergiften im Park“ wird aktualisiert im gleichen Duktus zum makabren „Unfall im Kernkraftreaktor“, Welten und Kulturen versinken, aber „Der Euro“ bleibt und das Spießertum, dem Kreisler stets mehr als ein Augenzwinkern widmete, ist „Von Beruf“ wegen nicht totzukriegen.

Dankbarerweise vermeidet es Fischer, als bloße akustische Reproduktion Kreislers aufzutreten: Ungeschminkt, leger im Anzug ohne Krawatte, aber irgendwie doch verschmelzend mit dem Notenmaterial widmet er sich jedem Lied neu, hält dabei stets die Waage zwischen glühender Hommage und eigenständiger Wiedergabe. Die Rechnung geht auf: Mit dick aufgetragener Mimik singt er das Lied vom „Fliegergeneral“ und rechnet posthum mit der Kriegergeneration ab, intoniert neckisch „Mein Weib will mich verlassen“ oder herzerwärmend das Liebeslied „Fehlt Dir was“. Auch den Ton des jüdischen Humors Kreislers trifft Fischer, ohne sich aufzudrängen.

Begleitet wird er dabei von seinem einfühlsamen Liedpianisten Rüdiger Mühleisen: Fischer kann sich blind auf ihn verlassen und hat als Gesangssolist ein As im Ärmel, das der sich selbst untermalende Kreisler selten ausspielen konnte. Im Lied „Zuhause ist der Tod“ läuft Fischer seinem Musiker immer wieder davon, der ihn zum Ende einer Zeile jedoch stets punktgenau einholt.

Und so macht es doppelt Spaß, diesem dynamischen Duo zuzuhören – die musikalische wie stilistische Liebeserklärung an Georg Kreisler potenziert sich dementsprechend.

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