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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Fragwürdige Moral

MAINZ (24. November 2015). „Moral“ – welch ein brandaktuelles Thema für einen Kabarettabend. Doch wie seltsam mutet der Untertitel an: „Laune der Natur“? Ein spannender Widerspruch also, auf den sich Timo Wopp da einlässt.

Allerdings wird dadurch der sichere Boden zum dünnen Eis. Und als sollte es absichtlich zum Bersten gebracht werden, beginnt Wopp laut und irritierend: Er wolle die Erwartungen gleich zu Beginn brechen, das habe er vom Schlagerbarden Michael Wendler gelernt.

Der Rat, lieber weniger zu erhoffen, ist ein guter, denn das Programm „Moral“ lässt einen eher ratlos zurück. „Ich mache Kabarett – kann sein, muss aber nicht.“ Diese selbstbewusste Aussage schwebt wie das Schwert des Damokles über dem, der es ausgesprochen hat. Und Wopp hat noch einen weiteren Satz parat, der sich als Menetekel erweist: „Mein Gehirn ist nicht immer mein bester Ratgeber.“

Wäre „Moral“ ein Schulaufsatz, die Notenvergabe fiele gar nicht so einfach: Im Großen und Ganzen hat Wopp sein Thema verfehlt, springt zu unverbindlich zwischen seinen Ideen hin und her, lässt eine rote Linie kaum erkennen. Doch hat er durchaus auch knackige Formulierungen im Köcher: „Wir sehen Afrikaner im Mittelmeer sterben, diskutieren aber über den Negerkuss.“ Oder: „Kinder mit Trisomie 21 darf man nicht mongoloid nennen, aber ihre Abtreibung ist erlaubt.“ Sätze wie Ohrfeigen. Mehr davon! Nach der Erkenntnis, dass die Aufregung um Sexismus und das Getue um „Fifty Shades of Grey“ nicht so recht zusammenpassen, ist jedoch leider schon wieder Sense.

Wopp will „der Orientierungslosigkeit ein Gesicht geben“. Das gelingt ihm, wenn auch nicht so wie beabsichtigt. Früher sei alles einfacher gewesen – heute fehle der Konsens: „Fußball war ehrlich und Jan Ullrich sauber – unter Kohl war nicht alles schlecht.“ Junge Menschen suchten Orientierung und fänden sie im Extremismus: „IS, Rassismus, Faschismus, Veganismus.“ Hauptsache, es gebe verbindliche Regeln. Dann noch der politisch korrekte Sprachgebrauch: „Was darf ich auf der Bühne sagen und was nicht?“

Die Antwort lautet: Es darf gerne provozieren, nur sollte es geistvoll sein, lustig, zum Nachdenken anregen, auf jeden Fall aber eine substantielle Aussage enthalten. Wopps Programm „Moral“ versucht, von allem ein bisschen in sich zu vereinen. Bedauerlicherweise geht es nur selten über den Versuch hinaus, so dass man frei nach Wilhelm Busch dichten möchte: „Und die Moral von der Geschicht‘ – hier sieht man sie leider nicht.“

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