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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Spritzige Cuvee mit Tiefe und Nachhall

MAINZ (6. November 2016). Gerade hat er zum wiederholten Mal den Deutschen Kleinkunstpreis zugesprochen bekommen und steht seit zehn Jahren als Profi auf der Bühne: Der Mainzer Kabarettist hat derzeit allen Grund zum Feiern und tut dies natürlich auf der Bühne, wie jetzt im Frankfurter Hof.

Sein kleines Jubiläum nutzt er einerseits dazu, alte Nummern hervorzukramen, wobei man(n) durchaus Zeuge einer stilistischen Entwicklung im Zeitraffer wird: Der Künstler, dem der Klamauk ebenso liegt wie der ernste Moment, Comedy ebenso wie Kabarett, ist mit den Jahren gereift, sein Blick hat sich immer weiter geschärft, sein Witz an Tiefe gewonnen. Die Augenblicke der Nabelschau wechseln an diesem Abend geschickt mit aktuellen Bezügen, die Mixtur stimmt und kommt an.

Doch was heißt hier schon aktuell? Hat man manche Nummer nicht schon in einem „alten“ Programm gehört? Mag sein, doch aus der Zeit sind sie nicht gefallen; vielleicht haben nur die politischen Protagonisten gewechselt: „In Zeitungen schreibt man ja immer die Partei hinter den Namen – nicht für den Leser, sondern für die Orientierung des Politikers“, kritisiert Mann die parlamentarische Beliebigkeit.

Natürlich leidet er darunter, dass ihm diejenigen, die eigentlich Material für Pointen liefern, mittlerweile die Show stehlen: „Wie soll ich das noch toppen?“, fragt er und spielt die „englischsprachige Entschuldigung“ von EU-Kommissar Oettinger für seine jüngste Verbalentgleisung ein. Europa, Berlin, Mainz, ein „flotter Dreier“ oder Julia Klöckner, die Roland Koch, Margaret Thatcher und Heidi Klum in sich vereine – auf jeden wird eine Attacke geritten, mal mit dem Florett, mal mit dem Holzhammer.

Tobias Mann scannt die Realität mit wachen Augen. Und er bezieht wohltuend deutlich Stellung: „Jeder, der von einer Obergrenze spricht, muss sich im Klaren sein, dass er den Satz ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar.‘ mit einem Sternchen versieht: Nur solange der Vorrat reicht.“ Die „besorgten Bürger“, die Angst mit Paranoia verwechseln, Politiker, die sich ein Wettrennen im Fördern der Politikverdrossenheit liefern, das „Weißbier-Tourette“ der CSU – zuweilen verliert der 40-jährige die Lust an der Aufgabe des Kabarettisten: „Den Menschen aufs Maul zu schauen macht manchmal keinen Spaß.“

Doch soweit, dass er den Humor verliere („Dann wäre ich ja ein Fall für die Arbeitsunfähigkeitsversicherung.“), werde es nicht kommen, verspricht er. Und das ist gut so, denn die Szene braucht Künstler wie Tobias Mann, der mit handwerklicher Professionalität selbst einen Hänger als Höhepunkt verkauft: Mitten in einem Song sieht er sich plötzlich in grelles Scheinwerferlicht getaucht, was ihn komplett aus der Nummer wirft. Doch die Nonchalance, mit der die Panne überspielt wird, rückt Künstler und Publikum für einen Augenblick unglaublich nah zusammen – vielleicht der schönste Moment des Abends.

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