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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Live aus dem Zentrum der Komik:<br /> Kleinkunstpreisträger Tobias Mann im Interview

MAINZ – Tobias Mann ist ein im wahrsten Wortsinn ausgezeichneter Kabarettist, Musiker und Comedian. In den vergangenen Wochen und Monaten hagelte es Preise: den Münchner Kabarett Kaktus, den Hamburger Comedy Pokal und jetzt auch den Deutschen Kleinkunstpreis. Im Schreibwolff-Interview erzählt Tobias Mann von lang schlafenden Künstlerfaulpelzen, roten Fäden, Tabus, Vorbildern, Combaret und grobem Unfug.

Schreibwolff: Tobias Mann geht seit einiger Zeit den Weg des selbständigen Kabarettisten – hat er die Entscheidung bisher schon mal hinterfragt?

Tobias Mann: Niemals! Das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Das einzig blöde am Weg des Kabarettisten ist die Tatsache, dass er zwar auf Schienen verläuft, die wiederum aber von der Deutschen Bahn befahren werden. Anders gesagt, ich sitze nur im Zug. Muss ich mehr sagen?

Schreibwolff: Der Deutsche Kleinkunstpreis ist die wichtigste Auszeichnungen für Kabarettisten – was bedeutet Dir der Förderpreis?

Tobias Mann: Das ist ein echter Hammer – mich hat die Entscheidung der Jury absolut umgehauen. Das klingt jetzt vielleicht kokettierend, aber damit hätte ich nie gerechnet. Dieser Preis ist ein absolutes Qualitätsprädikat und zeigt mir, dass ich mich künstlerisch offensichtlich auf dem richtigen Weg befinde. Ein deutlicheres „Weiter so!“ kann man in der Szene eigentlich nicht bekommen.

Schreibwolff: Dein zweites Programm „Man(n)tra – Der Sinn des Lebens in 2 Stunden“ ist angelaufen. Was machst Du „zwischen den Auftritten“?

Tobias Mann: Interviewfragen beantworten – das ist meine Form von Sudoku und entspannt mich ungemein! Spaß beiseite: Die Mär vom lang schlafenden Künstlerfaulpelz, der sich morgens im Bademantel mit einem Glas Rotwein auf dem Stapel Rechnungen in der verrauchten Wohnküche niederlässt, dichtet, denkt und anschließend in die Kneipe geht, ist leider nur zu einem sehr geringen Teil wahr. Wenn ich nicht gerade von Stadt zu Stadt fahre oder Texte schreibe, versuche ich dann tatsächlich mal zu entspannen. Das geht bei mir am besten mit guten Filmen oder guter Musik.

Schreibwolff: Wie entsteht eigentlich ein Kabarettprogramm bei Dir?

Tobias Mann: Ich notiere mir furchtbar viele Ideen in unterschiedlichen Blattsammlungen und finde dann anschließend in meinem chaotischen Ablagesystem fast nichts davon wieder. So schlummern dann diese Gedanken sehr lange, bis ich beim Aufräumen zufällig wieder darauf stoße und mir denke: „Mmmm, gute Idee!“ Und dann geht’s los: Schreibe ich ein Lied über das Thema oder mache ich einen Stand up-Text daraus? Gibt es andere Ideen, die auch in diesen Themenkreis passen und was will ich eigentlich rüberbringen? Das sind Fragen, die ich nach und nach beantworte. Am Ende wächst das Material dadurch, dass ich den berühmten „roten Faden“ stricke und das Gedankenchaos in eine nachvollziehbare Form bringe. Steht dieses Gebilde, entstehen zusätzlich noch viele Nummern, weil sich mir Zusammenhänge aufzeigen, die ich vorher nicht gesehen habe.

Schreibwolff: Und wie testest Du die Gags?

Tobias Mann: Mit diesem fragilen Gerüst trete ich in Vorpremieren in kleineren Häusern vor Menschen, um die Nummern am lebenden Zuschauer zu testen. Aus dem Zusammenspiel mit dem Testpublikum bekommt das Programm dann seine Reife, weil ich sehr viel improvisiere. Das macht ein geschriebenes Programm vortragbar. Die drei Evolutionsschritte des Programms sind also: Sammeln, Kompilieren und Rundspielen!

Schreibwolff: Gibt es Themen, die Du besonders gerne angehst oder wovon Du lieber die Finger lässt?

Tobias Mann: Die Themen, die es am ehesten ins Programm schaffen, sind natürlich die, die mich persönlich aufregen, amüsieren oder schlicht mein Interesse wecken. Meine thematische Leidenschaft ist beispielsweise die Sprache an sich, die ich immer wieder humoristisch analysiere und ins Zentrum meiner Komik zerre. Weiterhin hat sich im neuen Programm eine Faszination für philosophische Wissenschaft ausgebreitet. Seitdem weiß ich: Selbst Schopenhauer hat komisches Potential – auch wenn er es selber wahrscheinlich nicht wusste. Wenn ich von einem Thema die Finger lasse, dann nicht, weil ich Schiss habe, sondern weil es mich nicht so sehr tangiert, dass ich auf der Bühne darüber reden oder singen möchte.

Schreibwolff: Also gibt es für Dich keine Tabus? Was darf Kabarett eigentlich?

Tobias Mann: Ich habe eigentlich keine Tabus. Ich vertrete grundsätzlich die Meinung, dass Kabarett grenzenlos sein muss. Es darf keine von außen gesetzten Einschränkungen geben. Kabarett muss auch mal wehtun. Werner Finck hat treffend formuliert: „Bei Kabarett und Satire gilt das Prinzip: Wer sich getroffen fühlt, ist gemeint.“ Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Schreibwolff: Die Presse lobt zu Recht Deinen eigenen Stil. Hast Du eigentlich auch Vorbilder in den Reihen der Kabarett-Kollegen?

Tobias Mann: Es gibt sehr viele Kollegen, die ich sehr schätze: Urban Priol, Herbert Bonewitz, Volker Pispers, Dieter Nuhr, Michael Mittermeier – aber der Begriff Vorbild impliziert irgendwie, dass man jemandem nacheifert. Ich möchte ganz bewusst eine eigene Bühnenpersönlichkeit sein und einen eigenen Stil kreieren. Wie man an den Genannten sehr gut sehen kann, haben sie alle einen unverwechselbaren Charakter als Basis für ihren Erfolg. Da haben diese Kollegen dann schon Vorbildfunktion. Unverwechselbar zu sein – daran arbeite ich!

Schreibwolff: Gelegentlich unterscheidet das Feuilleton mit hochgezogener Augenbraue zwischen Kabarett und Comedy – gibt es aus Deiner Sicht hier Differenzen und wo siehst Du Dich?

Tobias Mann: Ich tue mich sehr schwer mit dieser Einteilung und halte sie auch für unnötig. Man könnte spielend einige Beispiele aufzählen, wo sich Künstlerkollegen jeglicher Einteilung entziehen. Ich will mich da auch nicht festnageln lassen. Deswegen spiele ich offensiv und schreibe auch meine Plakate Comedy, Kabarett und Musik. Das drückt keine Beliebigkeit aus, sondern den Wunsch, nicht kategorisiert zu werden. Wie schon gesagt: Auch diese Schubladenbegriffe sind Grenzen, die ich für verfehlt halte. Ich mache auf der Bühne Dinge, die ich für tiefsinnig halte und auch viel groben Unfug. Wie nennt man das dann? Combarett? Ich weiß es nicht! Und es ist mir auch egal, weil ich Spaß dran habe. Und andere sehen das glücklicherweise auch so: Ich habe jüngst den Hamburger Comedy Pokal gewonnen und einer meiner ersten Preise war der Münchner Kabarett Kaktus.

Schreibwolff: Vielen Dank für das Gespräch – und weiterhin viel Erfolg!

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