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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Tom Haydn versprüht morbiden Charme im Weingut

MARTINSTHAL – In den – diesjährig 154! – Konzerten des Rheingau Musik Festivals wird ja meist das zweite Wort, nämlich die Musik betont. Doch wie ein erfrischender Schluck Riesling zwischendurch streuen die Programmplaner auch immer wieder die eine oder andere Veranstaltung ein, in der der Akzent eben auf dem Rheingau liegt – wie jetzt in Martinsthal, wo das Festival den österreichischen Liedermacher und Chansonier Tom Haydn begrüßte.

Fast könnte man es als Tick auffassen, so augenzwinkernd betrachtet der Barde seine Themen und pflückt sie wie reife Trauben vom Rebstock des Alltags. Ulkig ist auch das Engagement des Künstlers just in dem Jahr, in dem sich das Rheingau Musik Festival thematisch eben auch Joseph Haydn widmet. Immerhin: Tom ist ja ein Landsmann des austrischen Tonsetzers.

Gemeinsam mit den brillanten Musikern Norbert Nagel (Saxophon und Klarinette) und Ralf Schmid (Klavier) beweist Tom Haydn, dass Liedermacher noch immer eine Stimme haben und diese auch erheben. Doch statt provokanter Protestgesänge sind es bei Haydn ironische Blicke, die er von der Bühne im Martinsthaler Weingut Diefenhardt wohlintoniert ins Publikum wirft.

Er eröffnet den Abend mit einem Chanson, in dem er sich als Voyeur outet – leider männlichen Geschlechts, denn als Mann jenseits der 40 leidet er natürlich auch unter dem Erblickten: Hübsche Mädchen sind nurmehr eine Augenweide, das Grasen ist für ihn nicht mehr drin. Stattdessen besingt er – die Frauen ums Weghören bittend – die alten Männer, die Wölfen gleich geifernd vor Mädchenschulen auf und ab schnüren: „Wollend, aber nicht mehr gewollt.“

Kein Wunder, dass man da melancholisch wird, obwohl der Wiener ja ohnehin leicht morbide ist – wenn auch nur aus fremdenverkehrstechnischen Gründen. Und schon ist es wieder da, dieses Augenzwinkern, wenn Haydn beschwingt den Alltag in der Depression besingt und seinen Kindheitserinnerungen nachhängt.

Ein Markenzeichen dieses Alpenrepublikaners ist das Blinzeln mit dem lachenden und dem weinenden Auge, denn wo man gerade noch über die ironischen Erinnerungen an das Milchbänkchen in seinem Heimatdorf, jener „Location, an der die Frauen die News austauschten“ lachte, folgt man Haydn gerührt in ebendiese Kindheit, in der die Mauern und Zäune kreideschwanger sein Tagebuch waren und wo von den Liebesherzen nurmehr die Pfeile geblieben sind.

Auch wenn Tom Haydns Schaffen durchaus Parallelen zu Liedermachern und Kabarettisten wie Georg Kreisler, Fredl Fesl oder Konstantin Wecker erkennen lässt, hat der smarte Österreicher doch seinen ganz eigenen Zungenschlag: Er spielt mit der Sprache, streut wie zufällig Bonmots zur aktuellen Tagespolitik von Nichtraucherschutz über George W. Bush bis zur – verlorenen – Fußball-EM ein: „Das in Österreich ist ähnlich sinnvoll wie eine Vierschanzentour in Nigeria.“ Parallelen ja, aber keine Reproduktion – und kopiert wird auch nicht.

Sportlich und genauso garstig fällt auch seine Anmerkung zur Olympiade in China aus, wo es während der Spiele verboten sei, Fifis Fleisch zuzubereiten: „Das wird schon groß geschrieben da, das Hunderecht.“ Selbstironisch und zuweilen sarkastisch, aber eben nie zynisch singt er: zum Beispiel von seinem Leibgericht, das er aus Kostengründen meist auf fremden Begräbnissen zu sich nahm, bis ihn der Pfarrer mit 29 Jahren aus dem Messdienst entließ. Oder eben auch von der unbeschwerten Jugend, in der man rastlos und hedonistisch seinen Idealen nachjagte, bis sie die Freundin von einst an einen Zahnarzt mit Feriensitz in St. Moritz verriet.

Das alles singt der smarte Österreicher mit einer Stimme, deren Intensität von kecker Finesse bis zum warmen Schmelz reicht. Und hierbei sind Norbert Nagel und Ralf Schmid weit mehr als musikalische Sekundanten: Vital und ansprechend umrahmten sie die Lieder Haydns und sorgten für den ansprechenden Kolorit.

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