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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Witzige Wortgewalt

MAINZ (23. Oktober 2016). Das neue Programm von Torsten Sträter heißt „Es ist nie zu spät, unpünktlich zu sein!“, ist erst sechs Wochen alt und erweist sich doch bereits als Publikumsmagnet: Das große Unterhaus ist voll. Als der Künstler vor dreieinhalb Jahren erstmals hier spielte (damals noch auf der kleinen Bühne), war das genauso. Rieb man sich damals aber noch verwundert wie begeistert die Augen ob dieses bis dato eher unbekannten Wortkünstlers, ist Sträter heute gesetzt, hat eigene TV-Shows und gehört zur Stammbesetzung des „Satiregipfels“ in der ARD.

Sträters Markenzeichen sind neben der schwarzen Mütze eine natürliche Gelassenheit und vor allem eine sonor-brummige Bassstimme, mit der er im leicht abgeschliffenen Ruhrdeutsch seine Geschichten vorträgt. Dass er an die Wortgewalt eines Jochen Malmsheimer und die Unmittelbarkeit der Erzählungen von Horst Evers erinnert, fiel bereits vor Jahren positiv auf. Doch macht Sträter durchaus sein eigenes Ding.

Seine Geschichten bekommen auf der Bühne wie in den mittlerweile drei (bei Ullstein und aktuell Lappan verlegten) Büchern eine beachtliche Dynamik, wobei Tempo für Sträter eher ein Fremdwort ist, wie schon der Programmtitel zeigt. Hier ist schlicht und einfach ein brillanter Epiker am Werk, dessen Fabulierkunst die Grenzen zwischen Realität und Fiktion in einen wohligen Nebel hüllt.

Ein Blick zurück in die Kindheit, die Beschreibung eines Check-up-Besuchs in der gekachelten Arztpraxis samt Prostata-Untersuchung, eine Autofahrt mit Sonnenbrand, die mit einer Polizeikontrolle endet – nackt und zentimeterdick mit Nivea eingecremt; hat Torsten Sträter wirklich eine Tätowierung oberhalb seines Intimbereichs, die besagt: „Achtung! Kein Trinkwasser“? So, wie der Erzähler es berichtet, mag man es zumindest nicht gänzlich ausschließen.

Derart direkte Schilderung verleihen auch dem Absurdesten eine spannende Authentizität und sind sogar anrührend, wenn Sträter seiner vor wenigen Jahren verstorbenen Mutter gedenkt. Doch selbst diesem Moment wohnt eine schelmische Komik inne, die keck auf der Lauer liegt, um einem schwungvoll in den Weg zu springen. Mit beachtlicher Grandezza belebt er die Tradition der zusammenfassenden Schlussnummer neu und setzt ans Ende sogar noch einen kabarettistischen Cliffhanger.

Die Interaktion mit dem Publikum verleiht dem Abend eine weitere, liebenswerte Ebene. Sträter ist das, was man einfach eine „coole Sau“ nennen möchte und früher am liebsten zum besten Freund gehabt hätte. Wenn hier vom Bonanza-Fahrrad und den Asterix-Schablonen im Nutella-Glas die Rede ist, wird einem ganz warm ums Herz. Mit der Atmosphäre derart gekonnt spielen zu können ist große Handwerkskunst, die ihresgleichen sucht.

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