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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wollene Clowns-Nasen

MAINZ (9. September 2010). Zwei Herren im grauen Anzug sitzen vor ihrem Publikum. Noch weiß niemand, was sie vorhaben – man kennt nur die verunsichernde Ankündigung im Programmheft des 3sat-Festivals. Bereits dort fragt man sich, was das Duo „Ulan und Bator“ denn nun ist: Dadaistische Engel? Außerirdische Propheten? Oder einfach beim Freigang ausgebrochen? Man neigt objektiv zu letzterem, heißt das Programm doch „Wirrklichkeit“. Frank Smilgies und Sebastian Krüger haben von allem etwas. Und noch viel mehr.

Denn plötzlich stülpen sie sich Bommelmützen über und das Verhängnis nimmt seinen Lauf. In rasant aneinander gereihten Spielszenen voller Aberwitz scheint sich die Kopfbedeckung als Tarnkappe vor dem Sinn zu erweisen. Was nicht heißt, dass die Unterhaltung zu kurz kommt: Usbekische Volkslieder, Kriegsspiele und Hochzeitsanbahnungen mit deutschem Liedgut folgen krankhaft gut gelaunten Radio-Moderatoren, Sorgentelefon, Vogel-Raten, übersinnlichen Phänomenen und Hypnose, bei der sich nur der geistig Weggetretene mental erholen kann – das erinnert ebenso stark wie ansprechend an die schräge Montage-Technik von Monty Python’s Flying Circus.

Gelegentlich blitzt natürlich auch der Geist auf, wenn Ulan und Bator die eigene Zunft gekonnt aufs Korn nehmen: Da diskutieren sie über Sarrazin sowie Atomkraft und zeigen die Widersprüche auf, in denen sich jede ernste Auseinandersetzung verheddern muss und finden im Thema Kabarett den gemeinsamen Nenner, den sie rasch mit verstörendem Nonsens minimieren.

In schillernder Prosa wird dann auch noch Gedankenfreiheit gefordert und fast will man meinen, dass diesem Wunsch schon beim Schreiben des Programms entsprochen wurde. Doch wer so urteilt, sieht nur auf die Verpackung: In puncto Inhalt setzen Ulan und Bator durchaus kleinkunstvolle Akzente, deren bissiger Spott nicht ohne Sinn ist, aber denselben in der Realität vergebens sucht.

Schließlich nehmen sie die Kopfbedeckungen ab und im Publikum Platz – ein kurzer Moment des Schweigens, dann fliegen ihre Kappen im hohen Bogen auf die Bühne, wo sie im Kegel des Scheinwerfer-Spots den Applaus entgegennehmen: Es sind die Bommelmützen, die wollenen Clowns-Nasen gleich die wundersame Verwandlung der grauen Anzugträger bewirkten. Kleider machen eben Leute. Oder zumindest Kabarettisten. Das sollte man bei der winterlichen Hut-Wahl beachten…

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