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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Unterhaltsame Wehen

MAINZ (21. Februar 2013). Nein, die Premiere eines neuen Programmes ist es noch nicht – und dennoch eine Art Debüt. Das Publikum im Unterhaus erlebt an diesem Abend ein Stück weit die Genese der aktuellen Geschichtensammlung von Horst Evers, der derzeit an den Kanten des Neuen feilt.

Was kommt rein? Welcher Text fällt weg? „Manche vertragen sich ja nicht untereinander“, begründet er die Auswahl – offenbar gibt es auch bei Sätzen wortwörtliche Sozialdynamik. Drei Vorstellungen vor Ort dienen diesem letzten Schliff, was jeder Einzigartigkeit verleiht.

Gleich geblieben ist nicht nur die handwerkliche Qualität der Geschichten – so gesehen sollte Evers keine einzige in seinem nächsten Programm streichen und es macht doppelt neugierig, wenn er verspricht, dass da noch „acht, neun weitere auf der Matte stehen“. Auch der Habitus bleibt Markenzeichen: schwarze Hose, rotes Hemd mit aufgekrempelten Armen und die Kladde mit dem Text. Das Äußere spiegelt hier das Innere: die Gelassenheit und der legere Fluss, mit dem Evers erzählt – grundsympathisch, ohne Schnörkel, mit angenehmer Sprechstimme, die keiner Amplitude bedarf.

Was immer Evers berichtet – man ist mittendrin, als würde ein Film ablaufen. Da ist zum Beispiel die gutaussehende Paketbotin, die eine streng riechende Sendung abliefert: Chicorée-Salami aus Franken, die seit zwei Dekaden von der Mutter einer vor 20 Jahren Verflossenen geschickt wird, da der junge Horst seinerzeit nicht laut genug intervenierte, als die Wurst auf seiner Semmel landete und er pflichtschuldigst Genuss vortäuschte.

Was ist hier „Biografie“, was Fiktion? Evers erzählt die Geschichte noch einmal „ganz ohne Erfundenes“ und landet sofort in einer anderen vom boomenden Berlin mit seinen skurrilen Geschäftsideen: „Traditionelle Altberliner in landesüblicher Tracht“, die sich am Kiosk als „Glückstrinker“ verdingen, mit einem Schild in sieben Sprachen ihre Dienste anbieten und so erfolgreich sind, dass man sich übers Wochenende Arbeit mit nach Hause nimmt und demnächst Billigtrinker aus Osteuropa beschäftigt; oder der Freund, der sich seinen Lebensunterhalt mit Zahlungen von nachbarlichen Feriengästen durch das lärmextensive Nichtabschleifen des Parkettbodens verdient.

Gemeinsam mit dem Publikum erkundet Evers als gebürtiger Niedersachse fremde Galaxien mit in seinen Augen wenig überzeugenden Landschaftskonzepten (Berge), entdeckt in französischen Supermärkten die schöne neue Einkaufswelt und sinniert über als Meerschweinchen wiedergeborene Nazigrößen. Wer sonst käme angesichts einer toten Maus auf der Fußmatte auf die Idee, anstelle der Nachbarskatze namens Hildegard von Bingen die Mafia zu verdächtigen?

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