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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre…

MAINZ – …dann hätte der Kabarettist Lars Reichow durchaus relle Chancen, der nächste Bundeskanzler zu werden. Auch wenn seine erste Amtshandlung wäre, den Titel in „Unterhaltungskanzler“ zu ändern. Die Premiere seines gleichnamigen Programms in der ausverkauften Mainzer Phönixhalle brachte ihm schon mal – wie heißt es doch immer so schön – „breite Zustimmung seitens der Bevölkerung“ ein.

Auch in früheren Programmen hatte Lars Reichow stets Platz für kritische und nachdenkliche Anmerkungen. Doch waren Witze zur aktuellen Lage der Nation eben eher zufällig und spontan, allerdings auch ebenso passend. In seinem neuen Programm wird der Kleinkunstpreisträger ein gutes Stück politischer.

Das ist angesichts der vielen kabarettistischen Mitbewerber natürlich gewagt. Doch Reichow schafft den Spagat zwischen leichtem Witz und anspruchsvoller Satire, indem er das eine entdeckt, ohne das andere zu vergessen. Auch im „Unterhaltungskanzler“ ist genügend Plaz für die kleinen, feinen Anmerkungen, die Reichow nicht selten aus seinem Privatleben speist: Verkrümelte Wohnungen, die Frau, die unbemerkt vom Gatten Fußballweltmeisterin wird oder die Schwiegereltern, die dem Alleinerzieher auf Zeit mit routinierter Planung die Richtlinienkompetenz entreißen.

Eine besondere Güte des aktuellen Programms ist dessen kluger Aufbau: Eins ergibt sich immer aus dem anderen – manchmal nur angedeutet, aber immer spürbar. Die Krümel auf dem Küchentisch werden zum Croissant, das zu Sarkozy und Bruni überleitet: „Egalité, Prêt-à-porter, Sexualité.“ Eine erotisch knisternde Szene zwischen dem Ex-Model und dem Führer der „Grande Erection“ auf dem Mittelmeer lässt Reichow fragen, ob man sich das auch mit der deutschen Regierungschefin vorstellen könnte: „Undenkbar“, stellt er klar. Und sofort folgt die tief ausgeschnittene Version der Geschichte mit der Kanzlerin – allerdings mit knackiger Ironie und ohne zu verletzen.

Seine Themen geht Reichow mit einer Mischung aus Wort und Lied, Zorn und Witz an. Zum Rauchverbot merkt er an, dass er in seiner Stammkneipe jetzt Leute treffe, die er vorher nur von der Stimme her gekannt habe. Und schnell ist er bei der Gesundheitspolitik, bei gewichtigen Germanen und dummen Deutschen, beim Privatfernsehen – und natürlich in Hessen: „Roland Koch wollte schon immer den Flughafen schließen“, beschreibt der Mainzer dessen plötzliches Ergrünen: „Er hat das immer nur anders ausgedrückt.“

Äußerst gelungen ist auch Reichows Wahlrede eines an der Null-Prozent-Hürde gescheiterten Politikers im breitesten Meenzerisch, dessen „Erfolg“ in der Partei ohne Liste und Namen doch so etwas wie Aufbruchstimmung erzeugt.

Lars Reichow hat ohne Zweifel einen gewaltigen Schritt auf den Kabarettbohlen getan, zumal seine Themen weg vom Lokalkolorit jetzt auch bundesweit akzeptabel sind. Das mag einem, der den Kabarettisten lieber im Mainzer Unterhaus als in der großen Phönixhalle erleben möchte, vielleicht nicht passen. Fakt ist aber auch, dass Reichows Programmaufbau jetzt sowohl hallen-, als auch kleinkunstbühnentauglich ist. Wo immer er in Zukunft auch spielen mag – eine Mehrheit wird dem „Unterhaltungskanzler“ sicher sein.

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