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Träume gegen die Zukungtsangst

MAINZ (19. Februar 2022). Schlägt man die Zeitung auf oder scrollt man sich durch die Nachrichtenportale, kann einem schon angst und bange werden – überall Bedrohungen: Corona, Klima, Ukraine-Konflikt, Digitalisierung. Die Menschen werden von Zukunftsängsten geplagt, dabei ist eigentlich alles ungewiss. „Das ist doch das Markenzeichen der Zukunft, das macht ihren Reiz aus“, wirbt Jürgen Becker für mehr Gelassenheit: „Beim Fußball gehen die Leute ja auch ins Stadion, weil sie eben nicht wissen, wie es ausgeht.“

Der Kabarettist hat sein aktuelles Programm „Die Ursache liegt in der Zukunft“ genannt. Was sich wie ein Paradoxon anhört, ist keins: Wenn wir heute Visionen für morgen entwickeln, dann können wir den Gang der Welt positiv beeinflussen. Fatal hingegen wäre ein „weiter so“. Warum, ist eigentlich jedem klar. Doch ändern wir unser Verhalten? Die vornehmste Aufgabe des Kabarettisten ist nicht die Unterhaltung, sondern das Aufzeigen von Zusammenhängen. Dass man hier eher zuhört, wenn es dabei etwas zu lachen gibt, ist klar.

Schon Beckers Warmlaufen ist ein Erlebnis. Thema Impfen: „Sahra Wagenknecht ist dagegen, weil sie den Impfstoff nicht in ihren Körper lassen will – die lässt doch sogar Oskar Lafontaine in ihren Körper.“ Thema Ukraine: Wenn es Putin um Landgewinnung ginge, solle er doch das Schwarze Meer poldern, das hätte in den Niederlanden auch funktioniert. „Da waren wir doch schon mal weiter“, klingt kurz Resignation an. Doch Beckers gute Laune hilft, Ängste zum Schweigen zu bringen: Er zeigt auf, wovor man sich fürchtet und wie man dem begegnen kann.

Dieser Kabarettist kann das wie kein Zweiter: erklären und unterhalten. „Prodesse et delectare“, jener Wunsch des Dichters Horaz – nämlich, dass die Kunst nützen und erfreuen soll – war der Leitspruch der Literatur des 18. Jahrhunderts, der Zeit der Aufklärung. Und die will den Menschen ja aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit herausführen. Becker macht genau darauf aufmerksam, geht mit seinem Publikum ins Gericht ohne es zu verurteilen. Vielleicht frischt er auch nur eigentlich bereits vorhandenes Bewusstsein auf. Auf jeden Fall tut es gut, auf diese Art zu lernen oder zumindest erinnert zu werden.

Die Angst geht um in Deutschland, wo es notabene die meisten Versicherungen und hier mehr Lebenspolicen als Einwohner gibt. Wir wollen unser Leben selbst in die Hand nehmen und lassen uns aus Bequemlichkeit steuern und überwachen. Vor der Digitalisierung aber haben wir wiederum Angst: Wir beklagen, dass China uns überholt, überlassen aber einem Unternehmen wie Huawei vor Ort das Datennetz. Im Auto vertrauen wir dem Navi und wundern uns, wenn wir statt in Bayreuth in Beirut landen. Wir schicken Fotos von unserem Essen in die Welt: „Wenn man früher einem Freund zeigen wollte, was man vor einer Stunde gegessen hatte, hat man sich den Finger in den Hals gesteckt.“

„Wir wollen Sicherheit“, wirft Becker einen Blick auf die Berufswahl: „Früher machte man das gleiche wie der Vater: Okay Papa, dann werde ich auch Weihbischof.“ Und wir wollen alles optimieren, effizienter machen. Das mache auch nicht vor der Partnerwahl halt, wundert sich Becker darüber, dass man diese bei Parship einem Algorithmus überlasse. Dabei gibt es für ihn an anderer Stelle viel größeren Nachbesserungsbedarf: „Das Gesundheitssystem ist nur noch an Kohle und Gewinn orientiert.“ Zweiklassengesellschaft, Fallpauschalen und unnötige Operationen, jährlich 20.000 Tote durch mangelhafte (weil eingesparte) Hygiene in deutschen Krankenhäusern, schlechte bezahlte Pflegekräfte: Als Becker seinem Arzt von einer Idee eines gerechten, auf einer Bürgerversicherung beruhenden Systems erzählt, empfiehlt der ihm eine 800 Euro teure Hirnfunktionstest aus dem Katalog der individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL).

Auch Jürgen Becker kann einem die Zukunftsängste nicht nehmen, aber er zeigt Verknüpfungen und Abhängigkeiten auf, die jeder für sich überprüfen und durchbrechen kann – sei es beim Energieverbrauch, dem Reiserverhalten oder der Ernährung. Dass es höchste Zeit zum Handeln ist, muss eigentlich nicht eigens erwähnt werden. Doch Becker will mehr: Er will, dass wir uns Utopien hingeben: „In einer Zeit, in der der Begriff Weltverbesserer eigentlich nur noch ein Schimpfwort ist – wie Gutmensch.“

Wahrscheinlich wird es nicht dazu kommen, dass die Menschheit künftig nur noch per Bahn und E-Auto reist. Der Gedanke, in Flugzeugen Kitas einzurichten, weil die ja schon über eine Rutsche verfügen würden, ist ja auch zu schön. Aber Menschen wie Jürgen Becker laden ein, die eigenen Ängste durch Träume zu ersetzen und dadurch den Mut für Veränderungen zu schöpfen. Mit ihm weiß man sich da in allerbester Gesellschaft.

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