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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Den Brass von der Seele gespielt

MAINZ (10. Juni 2010). Je schlimmer die Lage im Lande, umso mehr Arbeit gibt es für so manchen Berufszweig. Insolvenzverwalter und Berater mögen derzeit Konjunktur haben, doch am meisten gibt es für den zu tun, der beide Berufe zugleich ausübt: Urban Priol beziffert den politischen Schaden, den die Merkels, Köhlers und Westerwelles anrichten, liest den Regierenden analytisch die Leviten und predigt einer begeisterten Gemeinde wie jüngst in der ausverkauften Phönixhalle. Hier präsentierte der optische Wirrkopf mit den genialen Geistesblitzen sein aktuelles Programm „Wie im Film.“.

Leider kann man sich aus der Wirklichkeit jedoch nicht wegzappen. Und eine Werbepause zum Durchschnaufen gönnen einem die beratungsresistenten Herrschenden auch nicht. Stattdessen provozieren sie tagtäglich den geistigen Filmriss ihrer Wähler – und Priols, der das Berliner Treiben inzwischen unredigiert in sein Programm übernimmt: „Auswendig lernen lohnt sich aber nicht mehr.“ Die Aktualität an diesem Abend entspreche der um punkt 20 Uhr.

Und so springt Priol behände vom „Bundespräsidentenversuch Köhler“ – „Auch ein Blindgänger kann mal explodieren…“ – zu den Streitereien der „Tigerenten-Koalition“, die die SPD ihrerseits bestaunt: „Das hätten wir in unseren besten Zeiten nicht hingekriegt – hoffentlich profitieren wir am Ende nicht noch davon…“ Dazwischen schleicht der greinende Germane einher, den Priol genauso gut drauf hat wie Merkel oder Westerwelle – mimisch, gestisch und akustisch.

Urban Priol ist einer der schärfsten Politkabarettisten im Lande und hat mit seiner jovialen Art einen ganz eigenen Stil geschaffen, um sich den Brass von der Seele zu spielen. Wirklich nur zu spielen? In und mit ihm fühlt sich das Publikum offenbar verstanden, vielleicht ja auch ein Stück weit vertreten. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, sondern schätzt das offene Wort.

Doch: „Draußen bleibt alles ruhig“, wundert sich der Mainfranke über den braven Bürger, der alles mit sich machen lässt und die alternativlosen Absichtserklärungen der Regierung abnickt. Wer Priol in diesem Augenblick in das übergroße Gesicht auf der Leinwand sieht, erblickt neben Amüsement auch ein gehöriges Stück Ratlosigkeit.

Der Hofnarr, der sich von der Königin ab- und dem Volk zugewandt hat, spielt „Wie im Film.“ gewohnt mit Überlänge. Dass die wirkliche Republik ein bühnenreifes Happy End erlebt, ist sicherlich wünschenswert, aber wohl nicht zu erwarten. Als Trost darf gelten, dass die Regisseure der Realsatire wie Urban Priol daher wohl auch in Zukunft noch oft „Film ab!“ rufen dürfen und somit auch der Politikverdrossene noch etwas zu lachen hat.

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