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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Schweizer Präzisionsarbeit mit Ursus & Nadeschkin

MAINZ – Wer den Bewohnern der Alpenrepublik eine gewisse Behäbigkeit, ja Langsamkeit nachsagt, kann leicht vom Gegenteil überzeugt werden: 45 Minuten Kabarett mit Ursus und Nadeschkin vergehen im gefühlten Augenblick, der gerade mal so lange dauert, wie man ohne Luft zu holen überstehen kann – Lachen und Atmen gleichzeitig ist halt schwierig.

Dabei ist es gerade die Synchronität, die das Duo wie ein Schweizer Uhrwerk beherrscht: Da wird selbst eine mit zahllosen Versprechern gestammelte Entschuldigung für eine wunderbar vermurkste Musiknummer zu einem simultanen Rezitativ. Die knackenden Konsonanten des Schweizerdeutsch tun dabei ihr Übriges.

So etwas derart ungezwungen wirken zu lassen, ist sicherlich ein hartes Stück Arbeit. Die jedoch merkt man den beiden in keiner Sekunde an. Wohl aber das komödiantische Qualitätsprodukt, das Ursus und Nadeschkin zum diesjährigen 3sat-Festival mit einem Special ihrer besten Nummern lieferten. In ihrer Perfektion des Missverstehens und Aneinandervorbeiagierens erinnern sie ein bisschen an den anarchischen Witz der legendären Marx-Brothers.

Der Sender hat die beiden Schweizer schon des Öfteren begrüßt, weiß man doch um die Publikumswirkung dieser minimalistischen Komik: Ursus und Nadeschkin erzählen keine ausschweifenden Geschichten, drechseln nicht an witzigen Handlungssträngen, sondern ziehen ihre Komik als geschmacksintensiven Extrakt aus dem jeweiligen Moment. Nimmt man die ausformulierten Gedanken zusammen, ist das Programm kaum abendfüllend, besteht es doch hauptsächlich aus Unterbrechungen. Und gelingt es Ursus, einen Satz zu Ende zu bringen, scheint Nadeschkin einen Hänger zu haben.

In einer bestechenden Ungezwungenheit agieren hier zwei Clowns, die ihre roten Nasen durch perfekt getimte Sprache, Mimik und Gestik illustrieren. Running Gags sind dabei die Klammern, die den urkomischen Aberwitz zusammenhalten und das Stegreiftheater wirkt täuschend echt. Derart eine Vorstellung zu gestalten, ist eine große Kunst, die das helvetische Duo perfekt beherrscht.

Mit einer verqueren Logik, die keinen Widerspruch zulässt, bewirkt Nadeschkin den Rollentausch bei Shakespeares „Romeo und Julia“ und staunt über Ursus’ Fähigkeit, aus einer am Kopf fixierten Kanne Kaffee in eine am Oberschenkel angebundene Tasse zu gießen: Genauso treffsicher kommen die Pointen daher – mal im Gewand des Kalauers, mal des feingeistigen Witzes, der erst Sekunden später zündet.

Kurze Szenen und Randnotizen zur Sprache („Sie redet manchmal mit Schreibfehlern“), anmutige Pantomimen eines Baumes („Sie können jede Marke wählen“) oder ein Sketch, der in einer endlosen Zeitschleife endet, lassen den „Moment, in dem Sie mit Ihrem Leben wieder selber klarkommen müssen“, wie Nadeschkin mahnt, leider viel zu schnell kommen. Und schon ist die Dreiviertelstunde der Fernsehaufzeichnung vorbei – unterhaltsamer kann man Einstein nicht erklären.

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