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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Notorischer Nörgler

MAINZ (5. Oktober 2016). Eigentlich macht sich Henning Venske mit seinen Gedanken zur Satire selbst arbeitslos, denn die Antwort Kurt Tucholskys, was Satire dürfe – nämlich alles –, spinnt der Kabarettist weiter: Satire dürfe alles, was sie könne, könne alles was sie wolle, wolle alles, was sie müsse – und müsse gar nichts. Doch da sich der Hund damit in den Schwanz beißen und den Satiriker zum Schweigen verdammen würde, spricht er während seines Unterhaus-Gastspiels denn doch.

Das Wort des 77-Jährigen ist äußerst scharf, geschliffen über die Jahrzehnte, in denen sich Venske an der Gegenwart gerieben hat. Sie überspitzt zu beschreiben um Missstände aufzudecken, Denkanstöße zu geben und vielleicht sogar Einsichten zu vermitteln ist vornehmste Aufgabe des Satirikers. Dem widmet sich der Künstler an diesem Abend durchaus – allerdings ohne Schenkelklopfer und Lachsalven.

Venske ist von sich und seinem hohen Anspruch überzeugt, verdammt jedwede Art von Comedy, die ja ebenfalls auf Kabarettbühnen zuhause ist: alles „massenkompatibler Blödsinn“. Vereinzelt brandet Applaus auf – je nachdem, wer sich gerade verstanden fühlt. Dieser Mann will es keinem Recht machen mit seiner „anarchistischen Staatsbürgerkunde“, wie er seinen Auftritt nennt.

Schon allein der Titel ist ja ein Widerspruch – einer von so vielen, in denen sich das Individuum heute verstrickt: Schuld sind immer die anderen und notorisches Nörgeln ist neben dem Verbieten des Deutschen liebstes Kind. Soweit, so gut. Doch warum schlägt auch Venske immer wieder in dieselbe Kerbe? Je weiter der Abend voranschreitet umso klarer wird: Was auch immer der Norddeutsche sagen möchte – er tut es mit einer destruktiven Kraft, die das Zuhören bald verleidet.

Als „gut gelaunter Pessimist“ knöpft sich Venske die Regierungsmitglieder vor – mal mehr, aber öfters weniger gelungen. Warum? Weil es nicht gerade von intelligentem Witz zeugt, den Verkehrsminister mit dem Satz zu charakterisieren: „Ich habe schon gegen Zaunpfähle gepinkelt, die waren intelligenter.“ Zuvor hatte sich der Künstler selbst satirische Denkverbote auferlegt: Über Behinderte oder Kommunisten mag er nicht scherzen – derbe Beleidigungen fallen offenbar nicht darunter. Das Programm des Abends heißt übrigens: „Satire – gemein, aber nicht unhöflich.“

Ein Sprichwort sagt, dass Hunde, die bellen, nicht beißen. Was darf, kann und will Henning Venske also mit seiner derart laut gekläfften Satire? Der Zuhörer, der sich irgendwann genervt abwendet, ist für eine Botschaft unerreichbar – und damit auch für einen so brillanten Wortkünstler wie diesen. Eigentlich schade.

Im Januar 2016 sprachen wir mit Henning Venske über das Thema Satire. Lesen Sie hier das Interview: http://schreibwolff.de/kleinkunst/interview-henning-venske-2015.

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