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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Sex, Alkohol und Volksmusik

MAINZ (2. Dezember 2011). Man kann einen lustigen Abend auch mit sorgenvoller Miene beginnen: Demographisch droht der Nation die Vergreisung und da die Zeugungsfähigkeit juveniler Landsleute ebenfalls in Frage steht, kommt auf die Alten offenbar auch noch die Arterhaltung zu. Also hat Jürgen von der Lippe eine Mission: In seinem aktuellen Programm „So geht’s“ will er Senioren als Gehhilfe zum komödiantischen Bühnenerfolg dienen. Denn der hält offenbar jung.

Dass Greise ihn von den Brettern, die die Welt bedeuten, je verdrängen könnten, ist jedoch kaum zu befürchten – zu unverwechselbar und unerreichbar sind die Qualitäten von der Lippes. Sicherlich: Ein Hawaii-Hemd kann jeder anziehen – schließlich ist das blumige Tuch sogar am Merchandising-Stand des Abends zu erstehen. Aber es macht aus einem Rentner genauso wenig einen Tom Selleck wie einen Jürgen von der Lippe.

Hier braucht es diesen unverwechselbaren Humor, jene bestechende Selbstironie, die dem Protagonisten erlaubt, gezielte Rundumschläge zu führen. In westfälischer Gelassenheit erzählt von der Lippe seine Geschichten, schlüpft mit wenigen Utensilien in verschiedene Rollen und parodiert gekonnt die Großen und Kleinen des Showgeschäfts wie Herbert Grönemeyer oder Peter Maffay.

Wie eröffnet man eine Show? Von der Lippe steht auf Fanfaren, die er vom Publikum intonieren lässt. Auch dieses Spiel mit dem Auditorium zieht sich wie ein roter Faden durch den Abend in der ausverkauften Phönixhalle: Immer wieder fällt jemand durch allzu herzliches Gekicher auf, was von der Lippe oft nur mimisch kommentiert und dafür noch lauteres Gelächter erntet. Ohnehin schaukelt sich die Stimmung stetig nach oben und man merkt, wie die erzeugte Heiterkeit den Bühnenstar selbst anfeuert und sichtlich, ja fühlbar amüsiert.

Auch wenn Jürgen von der Lippe in seiner Rolle als „Kalle“ perfekt berlinert oder sein Lieblingsopfer Maffay persifliert, ist sein Vortrag im gediegenen Hochdeutsch doch noch am besten. Sprachlich elegant und nobel formuliert verzeiht man ihm manchen Kalauer und selbst die Zote wird zur anspruchsvollen Kunst. Etwas platter kommen da die musikalischen Einlagen mit Wolfgang Herder und Mario Hené daher. Aber Lieder wie „Tut tut tut, wozu ist die Hupe gut“ werden wenigstens mit bemerkenswert wohl klingendem Bariton intoniert.

Was wiederum begeistert, ist, wie von der Lippe die Kunst der Finte beherrscht. Mit seinem unvergleichlichen Bass wechselt er plötzlich die Tonart und überrascht das Publikum mit drohendem Raunen: „Jedes Jahr kommt eine große Anzahl Menschen in unser Land, die keine gültige Aufenthaltserlaubnis haben und unsere Sprache nicht sprechen; sie wollen nicht arbeiten und durchgefüttert werden, wollen ohne Gegenleistung an den Segnungen unseres Sozialstaates partizipieren.“

Das Lachen verstummt und erstaunt lauscht man den Worten vor der erlösenden Pointe: „Das schlimmste ist: Man kann diese Schmarotzer nicht mal dahin zurück schicken, wo sie hergekommen sind. Sie wissen, von wem ich rede: von Kindern.“ Was folgt, ist seine selbstironische Spiegelung mit dem Thema, die verdeutlicht, warum dieser Grandseigneur auf eigene Nachkommen verzichtet. Und so komisch, wie von der Lippe das schildert, wird auch dieser Spott zum gekonnten Blattschuss. Er weiß eben: „So geht’s.“ Und das macht ihm keiner nach.

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