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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Allein unter Millionen

MAINZ (18. Mai 2012). Während in Frankfurt Heerscharen von Polizisten darauf achteten, dass die Anhänger der Blockupy-Bewegung das verhängte Demonstrationsverbot einhielten fand in Mainz ein weitaus filigranerer Angriff auf das „Wertesystem“ der Geldinstitute statt: Claus von Wagner debütierte im Unterhaus mit seinem neuen Programm „Theorie der feinen Menschen“ und begeisterte sein Publikum einmal mehr durch feingeistiges Theater.

Diesmal verschlägt es den Helden in die Unterwelt des Finanzsystems: Im Tresorraum der Deutschen Bank durchforstet Klaus Neumann das Schließfach seines Vaters, der das Zeitliche gesegnet hat und über den der Filius nun ein paar würdige Worte verlieren soll. Zeit hat er genug, denn die Panzertür fiel ins Schloss und Neumann kann einzig telefonisch mit dem Pförtner kommunizieren.

Der alte Herr Neumann war Wirtschaftsprüfer und Kollege von Dr. Gump: „Ein Vertreter jener Spezies, für die die Frage ‚Wer wird Millionär?‛ eine Drohung ist“, umreißt Neumann alias von Wagner die Charakterzüge jenes „feinen Menschen“, der mit Herrschaftswissen seine Millionen vermehrt und angesichts dessen sich der Begriff Wirtschaftsethik in zwei Worte aufspaltet.

Keine Frage: Neumann fühlt sich nicht wohl in den Kreisen, denen er doch als Papas Sohn und Lohnempfänger der eigenen Stiftung so eng verbunden ist. Und hier gelingt Claus von Wagner jener stilistische Geniestreich, der ihn davor bewahrt, das Thema aus gutmenschlicher Distanz anzugehen. Sein tragischer Held Neumann selbst ändert seine Meinung aus Gefallsucht und ein Telefonat mit jenem Dr. Gump, in dem er ihm so richtig die Meinung sagen will, gerät zum demütigenden Kratzfuß.

Dabei kommen im Verlauf des Abends, den von Wagner mit juvenilem Witz, hellen Geistesblitzen und überzeugender theatralischer Geste als intelligentes wie unterhaltsames Ein-Personen-Stück gestaltet, so manch unbequeme Wahrheiten ans Licht: So wettet jenes Bankhaus, in dessen Katakomben er festsitzt, in Amerika auf das baldige Ableben ausgewählter Rentner, Ratingagenturen verhalten sich wie Büros für Pferdewetten und der Kleinsparer ist nurmehr das „Plankton im Meer der Finanzhaie“.

Von Wagner reüssiert über das Bruttoinlandsprodukt, über Angst als Marktgrundlage, Negativwachstum und die Verquickung von Wirtschaft und Politik – und somit über den Zynismus eines Systems, dem doch keiner im Saal so richtig entfliehen kann.

Das weiß auch Claus von Wagner, der als Botschaft denn auch nicht blauäugig die Abkehr vom Kapitalismus predigt. Weitaus ehrlicher ist da der Wunsch nach vorerst etwas mehr Distanz, um wieder eine Übersicht zu bekommen – Florett statt Säbel: „Die Finanzwelt ist ein Puzzle mit 5000 Teilen, das blauen Himmel zeigt.“ Aber wenn es das beim Discounter um die Ecke billiger gibt, steht man halt doch wieder in der Schlange…

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