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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Zwischen Kabarett und Wutrede

MAINZ (5. Dezember 2012). Der Kabarettist Bruno Jonas bekannte jüngst nüchtern, dass seine Kunst wohl kaum Potenzial zum Verbessern oder Ändern der Welt habe. Ob Kollege Werner Schneyder dem zustimmen mag? Zumindest setzt der Altmeister auf seine Zuhörer, wobei auch er nicht mehr als Kabarettist auftreten mag: „Ich bin eher ein Meinungsträger.“ Und er warnt – oder verspricht: „Rückfälle sind aber nicht ausgeschlossen.“

Dabei bleibt der große Satiriker ganz in seinem Metier, an das er unerschütterlich glaubt: „All jene, die das Ende des politischen Kabaretts beschreiben haben die Seriosität einer Tarotkartenlegerin.“ Und Schneyder schiebt gleich eine plausible Erklärung nach, warum selbst der flachste Comedian mittlerweile Stadien füllt: „Die Menschen, die dort hingehen, wollen sich unbedingt amüsieren – und sie lassen sich durch nichts von diesem Vorhaben abbringen.“

Zumindest das haben sie mit dem Unterhaus-Publikum gemein, wobei gerade an diesem Abend die Grenzen zwischen Realität und Satire gefährlich oft verwischen. Denn der Österreicher Schneyder ist ein penibel genauer Beobachter der politischen Bühne seiner nördlichen Nachbarn. Und auch hier meidet er die Besuchertribünen des Parlaments, wo es die Realsatire zum Nulltarif gebe: Man zahle keinen Eintritt und sehe nur Nullen.

Schon ist man mitten auf der politischen Bühne, die sich von der Wirtschaft offenbar nur zu gerne in Geiselhaft nehmen lasse: „Früher hatten die großen Gangster Leibwächter – heute halten sich die Unternehmen Rating-Agenturen.“ Diese behaupteten, wer bald kein Geld mehr habe: „Und ihre Auftraggeber sagen ihnen, wer das ist.“

Schneyder plaudert so jovial über die raue Realität, als ginge sie ihn gar nichts mehr an. Aber statt altersmilde zu lächeln spottet der alte Haudegen wutredend über seine Beobachtungen: Die Finanztransaktionssteuer nennt er Ganovenmaut, die man schon vor der Eröffnung der ersten Börse hätte einführen müssen. Die Leute, die Geld kauften und verkauften sind für ihn nur Zuhälter – übertroffen allerdings von denen, die Moneten verhökerten, die sie gar nicht hätten: „Bei den anderen sind die Nutten wenigstens da.“

Es sind deutliche Worte, die Schneyder da gebraucht – und klare Vergleiche. Politikern, die ewiges Wachstum propagierten, hält er entgegen: „So blöd ist kein Baum!“ Und das Wachstumsbeschleunigungsgesetz ist für ihn genauso gefährlich wie Überdüngung. Das „neue“ Programm enthält zwar viele „alte“ Nummern. Doch zeigt das ja nur, wie aktuell politisches Kabarett ist – wenn es derart gut gespielt wird. Die Hoffnung, als steter Tropfen den Stein doch noch zu höhlen, stirbt bei Werner Schneyder hoffentlich zuletzt.

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