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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Virtuosen am Werk

MAINZ (10. Januar 2018). Was kann man für schöne Sachen aus Holz machen: Mobiliar und Haushaltsgeräte, ja ganze Häuser, Skulpturen und Gebrauchsgegenstände wie Stifte, Obstschalen oder Tabakspfeifen. Und natürlich Instrumente: Gitarre, Kontrabass oder Blockflöte. In genau dieser Paarung haben sich die Musiker Anto Karaula, Markus Conrads und Tobias Reisige zusammengetan und begeistern ihr Publikum als Ensemble der besonderen Art. Wobei der Name Programm ist: Wildes Holz.

Alle drei sind Meister auf ihrem Instrument, Conrads sogar noch auf der Mandoline und singenden Säge. Neben dem Können eint das Trio jedoch vor allem die Liebe zur Musik und zur experimentierfreudigen Grenzüberschreitung: Wo andere die berühmte Grenze zwischen ernster und unterhaltender Musik streng bewachen, machen diese Künstler ihren Zuhörern ein E für ein U vor – und andersherum. Schließlich ist Reisige der wahrscheinlich einzige Blockflötist mit Jazz-Diplom.

Ausgerechnet am internationalen Tag dieses Instruments (doch, den gibt es!) gastierte „Wildes Holz“ im Unterhaus und legte gleich mal mit einem Komponisten los, dessen 250. Todestag die Musikwelt im vergangenen Jahr feierte: Georg Philipp Telemann. Und man darf sich sicher sein, dass die verjazzte Version seiner C-Dur-Sonate für Blockflöte solo, der hier freilich Conrads‘ swingender Bass und Karaulas Gipsy-Gitarre sekundieren, dem barocken Tausendsassa gefallen hätte.

Die mit großem Talent und Musizierfreude kombinierte Neugier, mit der die drei Hits wie „All that she wants“ von „Ace of Base“ und den bekannten Synthesizer-Ohrwurm „Popcorn“ von Gershon Kingsley oder Mozarts türkischen Marsch, Pachelbels berühmten D-Dur-Kanon und Gounots „Ave Maria“ auf Bachs C-Dur-Präludium interpretieren, ist so begeisternd wie bewundernswert. Fast scheint es, als sei die Adaption von Falcos „Rock me Amadeus“ so etwas wie der Motto-Song des Trios.

Derart vitale Klänge wechseln mit lyrischen Eigenkompositionen und Tobias Reisige entlockt einer ganzen Batterie von Blockflöten bis hin zur selbst gebauten Subbass-Pfeife, deren tiefes Brummen sanft über die aufgerichteten Härchen der wohligen Gänsehaut streichelt, faszinierende Klänge. Gestoßene Töne, Überblasen, Flatterzunge, Triller – was alles in diesem eigentlich eher unscheinbaren Holzrohr steckt! Sogar Tarkans „Kiss kiss“ mit Lippenschmatz aus dem Publikum und John Williams‘ Filmmusik zu „Star Wars“ (mit Laserflöten-Duell!) stehen auf dem Programm.

Wenn Eltern ihre Kinder zum Spiel der Blockflöte animieren wollen, sollten sie den Nachwuchs einfach auf ein Konzert von „Wildes Holz“ mitnehmen. Und auch, wenn die Kleinen dann lieber Gitarre oder Kontrabass lernen wollen, ist das Ziel der Künstler, die auch Workshops für Hobbymusiker, Studenten und Musikschullehrer geben, erreicht: Freude an der Klangwelt wecken, vermitteln und vor allem haben. Das Publikum in Mainz war auf jeden Fall gänzlich aus dem Häuschen.

Einen Eindruck von dieser großartigen Kunst bekommt man unter https://www.youtube.com/watch?v=6ekc5qUaezQ.

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