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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Revolverschnauze mit Platzpatronen

MAINZ (22. Oktober 2013). Wenn Wilfried Schmickler zum Ende der „Mitternachtsspitzen“ seines Kollegen Jürgen Becker im WDR lauthals „Becker, hörn’se auf!“ fordert, weiß der Freund der gepflegten kabarettistischen Abreibung, dass gleich wieder ein weiteres verbales Feuerwerk abgebrannt wird.

Doch zu Beginn von Schmicklers fünftem Soloprogramm im Unterhaus möchte man ihm das gleiche zurufen: Fast zehn Minuten redet sich der eigentlich für seine scharfe Zunge bekannte Kabarettist mit ausgedienten Kalauern warm. Und die sind leider auch der einzige rote Faden, der sich durch das Programm „Ich weiß es doch auch nicht!“ zieht. Ist die wörtliche Umsetzung des Titels derart gewollt?

Diplomatie war noch nie Schmicklers Stärke – und das eigentlich sein Markenzeichen. Doch wirkt das Prinzip „Ich haue auf alle drauf, dann treffe ich die Richtigen auf jeden Fall“ mittlerweile überstrapaziert: Für Schmickler sind alle Politiker unfähig und die Mähr, dass deutsche Parlamentarier entweder durch Abwesenheit glänzen oder den Sitzungen höchstens im Wachkoma beiwohnen schmeckt wie kalter Kaffee.

Wer in einem gefühlten Rundum-Befreiungsschlag sämtliches Geschirr zerschmeißt, dem fehlt im Meer aus Scherben das Gefäß, in das er seinen reinen Wein einschenken kann. Schmickler pflegt kompromissloses Schwarz-Weiß-Denken, doch das Monochrome nimmt seinen Äußerungen leider auch alle Farbe. Dass dann wohlfeiler Witz herhalten muss, um in der geschilderten Misere wenigstens ein paar Lacher zu platzieren, raubt dem Abend zu sehr seine Spannung.

Die Revolverschnauze verfeuert viele Platzpatronen: Vor der großen Koalition graust es dem Kabarettisten, Volker Kauder hat Hausverbot im Oberstübchen und Brüderle ist ein „feuchter Finger an der Hotelbar“. Bischof Tebartz-van Elst liest offenbar lieber „Schöner wohnen“ als die Bibel und als das vatikanische Boot auf dem Tiber einen Motorschaden hat, ruft die Menge: „Der Papst treibt ab!“ Dazwischen wird Merkel von Kohl zur Königin gekrönt und Pofalla nennt Bosbach vier Körperteile: „Hal(t)s, Maul, Arsch, Gesicht.“

Auch wenn ein Gebiss mit wenigen Reißern nicht zum allzu kräftigen Zupacken taugt, hat Schmickler an diesem Abend trotzdem ein paar spitze Pfeile im Köcher, die er treffsicher abschießt. Das geschieht wie in den „Mitternachtsspitzen“ allerdings erst zum Ende hin.

Dann erlebt man aber, worauf man den Abend lang gewartet hat: In einer engagierten Tirade reagiert Schmickler ungläubig auf aktuelle Nachrichten, nach denen mehr in die Rüstung als in Kindergärten investiert wird, der Sozialstaat kollabiert, die SPD sich verrät und bezahlbarer Wohnraum knapp wird. Da passt die Zugabe, das Lied von Gier, Neid und Hass, wie die Faust aufs Auge. Endlich.

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