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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Das Versmaß aller Dinge

MAINZ (17. Januar 2016). „Bilde einen Satz, bilde ein Wort.“ Diese Aufforderung kennt jeder Schüler, der eine Sprache erlernt. Der bayerische Buchstaben-Akrobat Willy Astor hat dieses Postulat zum wortwörtlichen Motto seiner Kunst erhoben.

Und er frönt dem Wahlspruch seither so intensiv, dass sich der staunende Zuhörer im Frankfurter Hof fragt, ob Astor einen Begriff gebraucht, ohne sogleich daran zu denken, wie er die Lettern und Silben verschieben könnte, um daraus einen fulminanten Wortwitz zu machen. Wahrscheinlich greift hier mittlerweile ein Automatismus.

Wer Astor kennt, weiß, was ihn erwartet: „Albernheit verhindert den Ernst der Lage“, erklärt er – und damit ist es ihm einen Moment lang richtig ernst. Auch wenn er den weiblichen Teil des Auditoriums dazu auffordert, dem Mann am nächsten Morgen aus Witz einfach mal einen 20-Liter-Eimer Wasser ins Bett zu gießen: Astor zitiert Sigmund Freud, der davor warnte, sich allzu sehr vom „inneren Kind“ zu entfernen. Der Komiker ist selbst mehrfacher Vater und lernt nach eigenen Angaben tagtäglich von seinen Sprösslingen, das Leben nicht zu ernst zu nehmen.

Es gibt also viel zu lachen an diesem Abend – bereits am Vormittag hatte Astor eine Vorstellung in Mainz absolviert. Und man merkt auch jetzt, wie wichtig ihm der direkte Kontakt zu seinen Fans ist. Schon das Aufwärmen wird zur denksportlichen Leistung, wenn er Namen oder Berufe seiner Zuhörer zur Zielscheibe seines Wortwitzes macht. Da wird eine Steuerfachangestellte gefragt, was denn der ideale Zeitpunkt sei, während eines Umzugs einen Flügel abzusetzen. Und nur kurz stockt Astor, als sich ihm ein Gast mit dem kroatischen Namen Dalibor vorstellt. War der nicht zuvor noch bei einem Zahnarzt in Eile, der ihn fragte: „Stört es, wenn ich dalli bohr‘?“

Ein eher simpler Kalauer, gewiss. Doch schelmenhafte Jovialität verleiht auch der flachsten Pointe ein kantiges Relief. Schnell hat der Komiker sein Publikum da, wo er es haben will. Er ist ein Clown des Wortes: Wo der zirzensische Spaßmacher die Torte schmeißt, erzählt Astor kleine Szenen, Gedanken, aberwitzige Ideen.

„Reim Time“ heißt das aktuelle Programm. Da wird gedichtet, Silben werden verschoben, Worte verbunden oder getrennt, so dass sie in neuen Sinnzusammenhängen aufleuchten. Ist Sand im Po automatisch imposant? Oder grüßte Hitler beim Homöopathen mit „Heil Praktiker?“ Astor sendet seine pulsierenden Geistesblitze wie ein Stroboskop und seine humorige Wortkunst ist letztendlich wie eine Tüte Chips: Einmal angefangen will man einfach nicht mehr damit aufhören.

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