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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Hier japsen die Synapsen

SAULHEIM (15. Oktober 2011). „So gesund sein wie der krank ist“, mag sich mancher angesichts des morbid-fidelen Herrn Raderscheid wünschen, der da im dreigestreiften Seidenblouson vor einem auf der Saulheimer Kleinen Kunstbühne sitzt: Er hat die Krankheit zum Beruf gemacht, ist jetzt „Profi-Patient“ und bietet dem Gesundheitswesen gewinnbringend seine Symptome an. Während der Halbgott in Weiß mittlerweile von „Arzt IV“ leben muss, wurde er nach einer Fehldiagnose ungefragt für gesund erklärt und musste sehen, wo er bleibt: „Ich hatte schon mein Leben aufgeräumt und feucht durchgewischt…“

Doch bevor man sich überlegt, was man selbst an die Kasse verscherbeln könnte, zieht der Kabarettist Lüder Wohlenberg die humoristische Totenmaske vom Gesicht: Der Einstieg ins Programm „Spontanheilung“ lief schon mal gut und auch das, was in den folgenden zwei Stunden folgt, ist feinste Kleinkunst. Denn wann hat sich ein Arzt schon mal so viel Zeit für seine Patienten genommen – im Bundesdurchschnitt sind es wohl nicht mehr als sieben Minuten. Lüder Wohlenberg weiß, wovon er spricht, denn auch er hat den Eid des Hippokrates geschworen und tauschte wie Plaudertasche Eckard von Hirschhausen oder Ruhrpott-Original Ludger Stratmann die Praxis mit der Bühne, wo er sein Stethoskop an den Puls der Zeit hält.

Mit „Spontanheilung“ hat Wohlenberg eine wirkungsvolle Arznei aus bissigem Spott, witzig eingefärbter Information und effektvollen Pointen gemixt. Er erklärt die Wirkung des Placebo und vergleicht sie mit dem Aussitzen in der aktuellen Politik, zieht seine Zunft mit Schmackes durch den Kakao und verrät, was es bedeutet, wenn der Arzt meint, wenn er noch mal etwas abklären müsse: „Entweder hat der Kollege keine Ahnung oder noch ein teures Gerät abzubezahlen.“ Glänzend ist auch sein Vergleich des Gesundheitswesens mit einer Autoversicherung: „Für Keilriemen gibt’s Zuschuss, Zündkerzen sind Eigenleistung und Unterbodenschutz kann erst wieder im nächsten Quartal gewährleistet werden.“

Da tut es gut, wenn immer wieder der schlitzohrige Herr Raderscheid zeigt, wie man in diesem System überleben kann. Denn das ist mitunter auch derart zynisch, dass sich Wohlenberg eine Pille für das Vergessen wünscht, da das Cholesterin im abendländischen Wertesystem mittlerweile an erster Stelle stehe. Bis ihm diese Medizin verschrieben wird, lässt er seinen Raderscheid aber hoffentlich noch lange an „Verdacht auf“ leiden, denn: „Das Gesundheitswesen ist ein Haifischbecken und der Patient Nichtschwimmer.“ Kabarettisten wie Lüder Wohlenberg sind hier nicht selten ein patenter Rettungsanker.

Mit dem Gastspiel von Lüder Wohlenberg startete die Kleine Kunstbühne in Saulheim in ihre Jubiläumsaison zum zehnjährigen Bestehen. Am 29. Oktober bittet Sven Hieronymus in Saulheim: „Nicht gucken – nur anfassen“, am 19. November tritt „Masterbabbler“ Arnim Töpel auf und am 10. und 11. Dezember ist der österreichische Komiker Christian Hölbling mit seinem Programm „Zehn Jahre Helfried!“ zu sehen. Bis zu einem zweitägigen Open-Air-Festival am 22. und 23. Juni 2012 begrüßt die Kleine Kunstbühne weitere Größen der Kabarettszene und beweist, warum diese immer wieder gerne nach Saulheim kommen. Informationen zum Programm und Kartenvorverkauf unter http://www.kleinekunstbuehne.de.

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