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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Gruppendynamisch genervt

MAINZ (3. April 2014). Man muss sie gesehen, gehört und erlebt haben: „Zärtlichkeiten mit Freunden“ heißt die Zwei-Mann-Band, in der Stefan Schramm an der Gitarre und Christoph Walter am Schlagzeug als Ines Fleiwa und Cordula Zwischenfisch eine veritable Combo auf die Bühne bringen.

Natürlich wird in ihrem Programm „Mitten ins Herts“ Musik gemacht – wenn die beiden Künstler dazu kommen. Denn über weite Strecken verhindert dies die Gruppendynamik, die durch genervte Kommentare und Blicke ohne Worte wunderbar persifliert ausgefochten wird. Dass die verbalen Scharmützel der beiden Künstler aus Riesa im melodischen Sächsisch geführt werden, verleiht dem Gezoffe einen zusätzlichen Reiz.

Nun sind sie (endlich mal wieder!) in Mainz gestrandet. Das kleine Unterhaus ist allerdings kaum nach ihrem Geschmack: An die verlegten Leitungen will Walter lieber nicht mit dem Phasenprüfer kommen und der Bereich hinter der Bühne erinnert ihn daran, seine Tetanus-Impfung aufzufrischen. Zum Maulen über das Ambiente kommt die Unzufriedenheit mit dem Publikum, das sich so manches gefallen lassen muss. Der Unmut bleibt jedoch auf der Bühne, denn das – leider nur 20-köpfige – Auditorium amüsiert sich königlich und tut das, was die Künstler aus dem Osten befürchten: Es holt sich senen Solidaritätszuschlag zurück.

„Zärtlichkeiten mit Freunden“ besteht nach eigenen Angaben aus „Grobmusikern“, die auch gerne als eigene Vorband auftreten. Hierfür werden einzig die entsetzlichen Perücken getauscht. Am „Weltdonnerstag“ gedenken sie der Sängerin „Rogecker Witter“, die 1973 den dritten Preis beim „Grandprix de Eurovision sur le pont d’Avignon ‘on y danse tout en rond“ gewann: „Einen Suzuki Swift in bronze.“ Mono- wie Dialoge sind herrlich sinnentleert, dabei jedoch so filigran ausformuliert, wie man es vielleicht von Landsmann Olaf Schubert her kennt.

Doch in ihrem Programm haben Schramm und Walter auch viele griffige Anspielungen mehr oder weniger offen versteckt. Schließlich ist man im Kabarett und jeder, der es hört, ändert ja sich und die Welt qua Kartenkauf. Finanz-Jonglage mit Lebensmitteln, Handel mit Wasserrechten, Neonazis im Osten oder die Energiewende: Dass sich „Zärtlichkeiten mit Freunden“ durchaus Gedanken machen, zeigt auch das Engagement der Künstler, die zahlreiche Aktionen gegen den Handel mit Waffen, Lobby-Kontrolle, Massentierhaltung oder Umweltzerstörung unterstützen.

Doch so ernst geht es an diesem Abend nicht zu, auch wenn man mit der juvenilen Kunstfigur „Riko Ros“ fast schon Mitleid hat, wenn er seinen Musikerkollegen erstmals auf der Bühne („Ist ja nur in Mainz…“) begleiten darf und verlegen am Ärmel zupft, als er seine zwar haarsträubenden aber herzlich komisch zusammengeschraubten Geschichten erzählt: Da ist der Hasenstall, auf dem „Karnickel-Hall“ steht oder „Herr Maphrodite“, der gleich zwei Toiletten für hat.

Zwar behaupten Schramm und Walter penetrant, das Ende des Abends herbei zu sehnen, doch merkt man am rasch wachsenden Amüsement des Publikums, dass auch die beiden gerne auf der Bühne stehen. Und sei es als Jethro-Tull-Karikatur mit Blockflöte…

Weitere Informationen und Termine gibt es im Internet unter http://www.zaertlichkeitenmitfreunden.de.

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