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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Subversive Komik

MAINZ (24. November 2017). Manchmal zerbrechen Partnerschaften an kleinen Missverständnissen. Und so gibt Cordula Zwischenfisch, Drummer der Band „Zärtlichkeiten mit Freunden“, gleich zu Beginn deren Auflösung bekannt. Warum wollte Ines Fleiwa, der Gitarrist, partout nicht einsehen, dass es auch Rotbäckchen-Saft ohne Flaschenpfand gibt?

Doch Fleiwa hat zum Glück einen Freund, der ebenfalls Schlagzeug spielt: Rico Rohs. Fans der Band kennen ihn schon von früheren Auftritten. So ist zwar nicht alles neu am neuen Programm, aber das Konzept überrascht.

Stefan Schramm (Ines) und Christoph Walther (Cordula/Rico) haben herrlich sprühenden Nonsens ersonnen, hinter dem doch kluge Köpfe stecken. Schließlich ist die Figur des Rico auch zu schön für ein allzu kurzes Gastspiel: Der 15-jährige Teenager mit abgeklebtem Brillenglas, der tapsig zwischen Schüchternheit und aufbrausender Besserwisserei schwankt, wird hier zur Hauptfigur. Und Walther gestaltete seine Rolle grandios!

Nicht minder anspruchsvoll ist Schramms Part: Er gibt als Stichwortgeber den älteren Freund und lauscht mit verwunderter Mimik den wunderlichen Geschichten, die Rico mit begeistert-kindlicher Naivität hervorstammelt. Dabei darf er natürlich nicht mit dem amüsierten Publikum gleichziehen, sondern muss Contenance bewahren. Als Paar spielen beide also großes Theater und legen dabei überzeugendes Einfühlungsvermögen an den Tag.

Schramm und Walther, seit 2013 auch mit eigener Sendung („Zärtlichkeiten im Bus“) im Spätprogramm des MDR zu sehen, haben für sich das Genre „Musik-Kasperett“ erfunden, wobei das nicht stattfindende Konzert im Unterhaus ja nur die Bühne ist, auf der das Duo den meist einseitigen Dialog entspinnen kann. Die Komik von Ricos absurder Weltsicht wird dabei durch den sächsischen Dialekt aufs Köstlichste verschärft. „Meine Hobbies sind Aquarium und Terrarium“, druckst der Knabe da herum: „Also angefangen hat es als Aquarium.“ Ob Ines wissen wolle, mit wem Rico jetzt gehe: „Mit meiner Laterne.“ Und wer braucht schon Apfelbäume: „Gibt’s doch alles bei Netto.“

Eine Kur an der Ostsee, Schulszenen, der Familienurlaub im Vogtland, Fußballspiel, Probleme mit der lärmempfindlichen Nachbarin, unerwiderte Liebe – einem Blick in ein Tagebuch gleich erfährt das Publikum von den Verwirrungen des Zöglings Rico, dessen Jugendzimmer die Eltern mit „Feucht(t)raumpaneelen“ verkleidet haben. Doch subversiv haben Schramm und Walther auch Statements zu Massentierhaltung und textiler Kinderarbeit, Trump und Pegida, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Gewalt in der Familie platziert. Dieses „Kasperett“ ist eben nicht ohne Grund bereits mit Kabarettpreisen überhäuft.

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