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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Kunstraub in Polen

MAINZ (8. September 2010). Katastrophski! Da erfindet Opa Pjotrek Popolski die Popmusik, ein windiger Gebrauchtwagenhändler reißt sich alles unter den Nagel und verhökert es an jene, die heute mit diesem gestohlenen Kulturgut die Charts stürmen. Und die Enkel? Sie gehen leer aus.

Aber auch an die Öffentlichkeit: In umjubelten Auftritten tourt die Truppe seit drei Jahren durch die Republik und sagt „der Wahrheit“: „Dieter Bohlen hat gestohlen alle Hits aus Polen.“ Wobei das „h“ im Wort Hits mit rauhem „ch“ wie in Rachen ausgesprochen wird. Auch die Umlaute sind ihrer „Punktchen“ beraubt, so dass „der Moderation“ authentisch östlich daherkommt. Nicht nur der Schöpfer der Popolskis, Achim „Pavel“ Hagemann, hält diesen Akzent eisern durch.

Die zehnköpfige Familienband(e) der Popolskis bringt an diesem Abend das 3sat-Zelt zum Beben. Mit ihren gecoverten Hits – Entschuldigung: den Originalversionen der berühmten Songs wie „I was born as a Popolski“ (und nicht „in the USA“, Mr. Springsteen…), „We will rock you“ oder „Dance with somebody“ (allerdings nicht mit der Band „Mando Diao“…) zeigen sie ganz neue Seiten der vermeintlich altbekannten „Chits“. Durch Anziehen oder Drosseln des Tempos, Unterlegung einer Polka und neuer Instrumentierung werden die Songs brillant gegen den Strich gebürstet, wobei teilweise etwas völlig Neues entsteht.

Doch „From Zabrze with Love“ ist nicht nur richtig gut gespielte Musik: Natürlich wird viel „von der Vudka“ getrunken. Und da die Popolskis echte Familienmenschen sind, schenken sie im Publikum auch Kinderportionen aus. Alle 20 Minuten müssen sie „einer kippen“ – gewerkschaftlich vorgeschrieben und überwacht „von der PÜV“, dem Polka-Überwachungs-Verein. Dazwischen wird viel Aufklärungsarbeit geleistet: Wie konnte es zu diesem größten Kunstraub in der Geschichte Polens kommen? Und wie sind die einzelnen Lieder entstanden?

Das von Patrick Hernandez 1978 geklaute „Porn to be alive“ zum Beispiel beschreibt in Wirklichkeit die Erlebnisse des Popolski-Sprösslings Andrzej in der polnischen Erotik-Branche und Modern Talking machte Furore mit „Cherry, cherry lady“, einem Song, den der schüchterne Bassist Janusz einst für das kleine Mädchen komponierte, das auf dem Wochenmarkt von Zabrze „der Kirschen“ verkauft hat.

Konzert? Kabarett? Comedy? Das Ganze ist viel mehr: pfiffiges Musik-Theater mit vaterländischem Mutterwitz und, wenn man der „Cousinetschka“, der „roten Dorota“ in die lüsternen Augen schaut, auch einer gehörigen Portion Testosteron. Was für ein Einfall! Fragt sich nur, wie viel „Vudka“ für diesen Geistesblitz vonnöten war…

Mehr dazu gibt es im Internet unter www.the-pops.de.

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