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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Endlich mal Schütz!

MAINZ (17. Dezember 2017). Eigentlich wollte Domkapellmeister Karsten Storck ja Bachs Weihnachtsoratorium aufführen. Doch das wäre, nach Bachchor, Kammerchor Rheinhessen und Singakademie, allein in diesem Jahr dann das vierte in Mainz gewesen. Also entschloss sich der engagierte Kirchenmusiker für eine programmatische Vielfalt und bescherte dem Publikum im bis auf den allerletzten Stehplatz besuchten Domkonzert vor Weihnachten eine besondere Werkzusammenstellung, die von Monteverdi und Praetorius über Schütz bis Haydn reichte.

Wohlgemerkt: Johann Michael, der jüngere und unbekanntere Bruder des berühmten Joseph Haydn. Ihm verdankt die Musikwelt diverse Messen für Oberstimmenbesetzung, aus denen der Mädchenchor am Dom und St. Quintin unter der Leitung von Domkantor Michael Kaltenbach die Missa sub titulo Sancti Leopoldi aufführte. Gemeinsam mit den Solisten Katrin Gietl und Victoria Braum (Sopran) sowie Hyemi Jung (Alt) überzeugten die jungen Damen (erstmals im neuen Zwirn – die vornehmen grauen Cardigans stehen den Sängerinnen ausgezeichnet!) mit juvenilem Strahlen und sauberer Intonation.

Zum weihnachtlichen Domkonzert haben sämtliche Mitwirkenden ihren Auftritt: auch das Domorchester, die Dombläser, die Knaben vom Domchor und die Kantorei. Sie intonierte in Zwiesprache mit Solotenor Christian Rathgeber zuerst ein kurzes Magnificat von Claudio Monteverdi, das von Domkapellmeister Storck eigens für das Domkonzert instrumentiert worden war: spannend der Wechsel zwischen Solo und Tutti, der samtige Schlussakkord hallte noch lange im Dom nach.

Auch für die beiden folgenden Motetten von Michael Praetorius hatte sich Storck eingehend mit der Partitur beschäftigt und die mit bis zu 21 polyphon besetzten Werke auf die Solisten, Chor- und Orchesterregister verteilt. Nach „Puer natus“ erklang ein äußerst opulentes „In dulci jubilo“, bei dem Domkantorei und -bläser beeindruckend ihr Können unter Beweis stellten.

Nach diesem klanglichen Feuerwerk (und vor der von allen Chören gesungenen Zugabe „Adeste fideles“) schritt man dann zum Kernstück des Abends: der Weihnachtshistorie von Heinrich Schütz. Hier hatte der Domchor seine (kurzen) Auftritte, denn die vertonte Geschichte der Geburt Jesu wird vor allem vom Evangelisten erzählt. Man kann sicherlich darüber streiten, wie werkgetreu eine Aufführung mit groß besetztem Chor und modernen Instrumenten ist, doch fordert die Domakustik schlicht ihren Tribut.

Und so kam das Publikum in den unbestrittenen Genuss eher selten zu hörender Musik mit einem gut einstudierten Domchor und solistischen Einlagen von Victoria Braum und Florian Küppers (Bass). Geadelt wurde die Interpretation vor allem aber durch den leicht vibrierenden, eleganten Tenor Christian Rathgebers, der mit edler Präsenz in Höhe und Tiefe die Rolle des Erzählers geschmackvoll und äußerst kultiviert ausgestaltete. Mag Rathgeber als gefragter Solist diverse Partien singen: die des überzeugenden Evangelisten ist schlicht seine Mission.

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