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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wie Tautropfen im fein gewobenen Spinnennetz

GEISENHEIM – Es ist ein Gütezeichen des Rheingau Musik Festivals, dass es stets alle Sparten der klassischen Musik bedient. Nach dem sinfonischen Auftakt mit Mahlers Vierter lag der Akzent bei einem Konzert auf Schloss Johannisberg mit Quatuor Ebène und Isabelle Moretti (Harfe) jetzt auf der Kammermusik.

„Danse sacrée et Danse profane“ für Harfe und Streichquartett steht auf dem Programm – doch hierzu später. Vorerst soll nämlich eben jener doppelte Aspekt jeder Musik, das „Heilige“ und das „Profane“, das Hehre und das Einfache, das Ernste und das Unterhaltsame im Mittelpunkt stehen. Denn neben Betrachtungen der Kunst und ihrer Perfektion sind es vor allem oft die einfachen Bilder, die sich einstellen – und die womöglich weit mehr über das Gehörte aussagen als musiktheoretische Expertisen.

Und so mag die Auffassung des Quartetts für zwei Violinen, Viola und Violoncello F-Dur von Maurice Ravel (1875-1937) durch Quatuor Ebène so recht zur drückenden, flirrenden Hitze, die an diesem Tag auch über den Weinbergen des Rheingaus lag, passen. Pierre Colombet und Gabriel Le Magadure (Violine) sowie Mathieu Herzog (Viola) und Raphaël Merlin (Violoncello) setzen die Meteorologie quasi 1:1 in ihr Spiel um.

Im Allegro klingt das Ensemble hauchzart, verweilt vollkommen synchron auf einer Fermate, um nach diesem kurzen Innehalten erneut ins Tempo zurück zu finden. Da scheint einer der Musiker einer spontanen Idee folgend ein Ritardando einzustreuen – doch die drei anderen folgen ihm verlässlich. Abgesprochen kann so etwas kaum sein.

Doch Homogenität ist hier das Gebot der Stunde und auch im murmelnden und tänzerischen zweiten Satz, wo der Klang an Volumen gewinnt, überzeugen die vier Musiker. Eine kleine Ruhe vor dem Sturm entsteht, bevor sich das klangliche Gewitter im finalen „Vif et agité“ eruptiv entlädt.

Das Quartett g-moll op. 10 von Claude Debussy (1862-1918) ist bei Weitem nicht so ausladend und bietet Quatuor Ebène die Gelegenheit, nach der Filigranität des Ravel zu zeigen, mit welcher Dichte sie musizieren können. Dies geschieht jedoch keinesfalls zu Lasten der Transparenz – sie bleibt erhalten und adelt die perlenden Läufe sowie die klangfarbigen Modulationen in schlichter Klarheit und Eleganz.

Es ist fast schade, dass der zweite Teil des Konzerts so vergleichsweise kurz ausfällt: mit Debussys „Danse sacrée et Danse profane“ für Harfe und Streichquartett und der gleich besetzten Conte fantastique „La masque de la mort rouge“ von André Caplet (1878-1925) ergänzt Isabelle Moretti das Quar- zum Quintett.

Bei Debussy werden erneut Assoziationen wach: Tautropfen gleich lässt Moretti ihr Harfenspiel über das dicht gewobene Klangnetz von Quatuor Ebène perlen und korrespondiert trefflich mit den vier Streichern, die der Komponist zuweilen wie ein einziges Instrument erklingen lässt. Vor diesem Hintergrund entfaltet Moretti jedoch mit allen zu Gebote stehenden Stilmitteln ein melodiöses Spektrum mit eben jenen vermeintlichen Widersprüchen von Ernst und Heiterkeit.

André Caplets „La masque de la mort rouge“ liegt die Geschichte „Die Maske des roten Todes“ von Edgar Allan Poe zugrunde. In knisternder Schauerromantik wird hier vom „roten“ Seuchentod, einem rauschenden Fest des Prinzen Prospero in der sicher geglaubten Burg und schließlich deren Heimsuchung durch „La mort rouge“ persönlich erzählt.

Isabelle Moretti und Quatuor Ebène fassen in diesem musikalischen Tryptichon das ängstliche Zittern und die dramatische Bedrohung mit morbidem Charme überzeugend in Klang und auch das ausgelassene Tanzen gelingt in sich überschlagendem Frohsinn. Als der dumpfe Schlag der Turmuhr das Nahen des ungebetenen Gastes ankündigt, lassen die Musiker den akustischen Pesthauch des roten Todes über die Bühne wehen und verursachen wohlige Gänsehaut.

Das Konzert wurde vom hessischen Rundfunk aufgezeichnet und wird zu einem späteren Zeitpunkt im Programm hr2-Kultur sowie im Deutschlandfunk gesendet.

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