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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Abseits der gewohnten Pfade

MAINZ (23. Januar 2016). Johann Sebastian Bach inspirierte viele spätere „Kollegen“ dazu, mit seiner Musik zu laborieren: Mancher schrieb auf den Namen des Thomaskantors Orgel-Fugen, Musiker wie Jacques Loussier spüren dem Jazz in Bachs Musik nach und Werke wie die „Kunst der Fuge“ oder die „Goldberg-Variationen“ erklingen in immer neuen Besetzungen von Akkordeon über Blechbläser bis hin zum Flötenquartett.

Zu einem besonderen Bach-Programm ließ sich auch Ralf Otto, profunder und nicht minder experimentierfreudiger Kenner der Barockmusik, anregen. Im Mittelpunkt des Hochschulkonzerts stand das „Original“: Bachs Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“, die Motette „Komm, Jesu, komm“ und das Lied „Komm, süßer Tod“ aus der Sammlung Georg Christian Schemellis. Hierum hatte Otto Werke späterer Komponisten gruppiert: die Choral-Collage „Immortal Bach“ von Knut Nystedt (1915-2014) und vor allem Werke von Leopold Stokowski (1882-1970), der Orgelstücke für großes Sinfonieorchester instrumentierte.

Das Spiel der Musiker in der Mainzer Christuskirche war inspiriert, das Dirigat des kurzfristig für den erkrankten Ralf Otto eingesprungenen Mathias Breitschaft mitreißend und lebendig. Aber Toccata und Fuge d-moll sowie Passacaglia und Fuge c-moll, mit die bekanntesten Orgelstücken Bachs, von einem ausladendem Klangkörper gespielt? Die Übertragung der Register auf verschiedene Instrumente irritierte mitunter und auch am Schluss wusste man vielleicht doch eher das Orgelspiel zu schätzen: Allzu wuchtig und phasenweise langatmig ist Stokowskis Arrangement der Passacaglia, erinnert mit seinem romantischen Gout eher an pathetische Filmmusik.

Wer aber bereit war puristische Hörgewohnheiten einmal zu überwinden, dem eröffneten sich an diesem Abend durchaus auch fantastische Klangmomente. Vor allem Stokowskis Choralbearbeitung „Komm, süßer, Tod“, die sich im Schemelli-Lied (Sopran Jasmin Hörner und Tenor Jonas Boy) spiegelte, hatte eine Vielschichtigkeit, die unter die Haut ging.

Transparent sangen Hochschulchor und Solisten – Ruth Katharina Peeck (Alt) und Florian Küppers (Bass) komplettierten das Quartett – die Bach-Kantate, in der vor allem die Oboistin Sarah Kaufmann mit einfühlsamem Spiel brillierte. Neben der Motette BWV 229 mit ihrem „Komm“-Ruf und der barocken Bildersprache des „sauren Wegs“ oder des „schwebenden Geistes“ bildete das letzte Stück einen grandiosen Höhepunkt: In Nystedts „Immortal Bach“ wird ebenfalls der Bachchoral „Komm, süßer Tod“ angestimmt. Agogisch verschoben werden dann die beiden ersten Verse polyphon aufgefächert, was zu atemberaubenden Clustern, Reibungen und Auflösungen führt. Mit dieser faszinierenden Musik schenkte der hier von Carsten Ehret dirigierte Hochschulchor den Zuhörern einen klingenden Blick in die Ewigkeit: „Komm, sel‘ge Ruh‘! / Komm, führe mich in Friede.“

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