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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wenn Liebe blind macht

MAINZ (8. Oktober 2010). Das Junge Ensemble des Staatstheaters Mainz setzt seine Reihe mit barocken Opern fort und inszeniert in der Spielzeit 2010/2011 „Amadigi di Gaula“ von Georg Friedrich Händel. Die Premiere zeigte, wie intensiv die jungen Künstler daran gearbeitet haben – und das auf eine unangestrengte, sympathisch frische Art, die „Alte Hasen“ des Genres oft nicht (mehr) aufbringen.

Hätte Erich Fried zur Zeit Händels gelebt – der barocke Meister hätte dessen berühmtes Poem „Was es ist“ in seiner Oper „Amadigi di Gaula“ unterbringen können: Unglück, Schmerz, Leichtsinn, Aussichtslosigkeit, ein Ding der Unmöglichkeit – all das sei die Liebe, so sagt der Dichter.

Die Tragödie „Amadigi de Gréce“ vom Antoine Houdar de la Motte, an die sich das Libretto der Oper anlehnt, verteilt all diese Empfindungen auf vier Charaktere: Amadigi liebt Oriana und Dardano liebt Oriana, Oriana aber liebt Amadigi und auch Melissa ist dem Helden zugetan. Wofür man sich anfangs ein kleines Organigramm wünscht, zeigt nicht nur ein verzwicktes Beziehungsgeflecht, sondern auch die tiefen Schluchten, in die man fallen kann, wo Liebe nicht erwidert wird, sich gar in abgründigen Hass verwandelt, wenn Treue gebrochen wird und leidenschaftliche Eifersucht mit Eifer sucht, was Leiden schafft.

Die Mitglieder des Jungen Ensembles des Staatstheaters Mainz (Künstlerische Leitung: Prof. Claudia Eder) dürfen mit ihren Produktionen im Kleinen Haus unter professionellen Bedingungen auftreten – und schaffen es auch mit ihrem „Amadigi“, auf dieser Basis mit Spielfreude und musikalischer Perfektion ebenso professionell zu arbeiten. Das Philharmonische Staatsorchester Mainz musiziert dabei unter dem Dirigat von Michael Schneider in schönen Dialogen und rückt die barocke Opulenz Händels mit Verve ins rechte akustische Licht, so dass die Vokalisten die Dramaturgie von Barbara Gräb auf minimalistischer Bühne und in ebensolcher Kostümierung, für die Regisseur Peer Boysen verantwortlich zeichnet, spannend in Szene setzen können.

Die amourösen Verflechtungen hat man dank Programmheft bald durchschaut und bangt mit den Liebenden Amadigi und Oriana (Ileana Mateescu und Lilia Weimann), die sich gegen die Annäherungsversuche Dardanos (Almerija Delic) und Melissas (Tatjana Charalgina) wehren müssen. Allerhand Kabale und Liebe also, die von der züngelnden Erotik, die auch optisch das Bühnenrund umflackert, trefflich illuminiert wird. Ränke allüberall und zum Schluss gibt es zwei Tote: Amadigi ersticht Dardanos und die Zauberin erliegt ihrer Bosheit, als sie einsieht, dass alle Tricks ihr den fernen Geliebten nicht näherbringen – Melissa, am Verbrochenen erstickt.

Auch wenn man schon eifrig gestrafft hat – ein paar Da capo-Partien hätten der Kürzung wohl gerne noch zum Opfer fallen können, denn die Pyrotechnik raubt dem Publikum zwar nicht den Atem, aber einiges an Sauerstoff. Doch damit ist die kleine Schwäche dieser knapp dreistündigen Inszenierung auch schon abgehakt und man erinnert sich nur zu gerne an die beachtliche Leistung der Interpreten: Ileana Mateescu – Händels Helden singen Alt – intoniert den Amadigi herrlich burschikos und doch mit einer stilsicheren Eleganz, was ihr „echte“ Männer erst mal nachmachen müssen.

Auch Almerija Delic brilliert als unglücklich verknallter Dardano – vor allem, als die Regie dessen mit Betttuch behängten Geist in die Höhe schweben und die lieben Liebenden segnen lässt. Tatjana Charalgina gibt die giftige Blondine Melissa ebenso überzeugend wie Lilia Weimann die leicht naive Oriana und Richard Logiewa hat als Onkel Orgando leider nur zum Schluss ein paar Takte zu singen. Kurzum: Es ist macht mal wieder einen Riesenspaß, diesem Jungen Ensemble zuzuhören – von wegen Nachwuchs!

Weitere Aufführungen am 12. und 24. Oktober sowie am 7., 9., 16., 22. und 28. November 2010.

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