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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Lebendiges Spiel der Jahreszeiten

WORMS (30. November 2014). Mit den „Le Quattro Stagioni“ von Antonio Vivaldi ist das so eine Sache: Wann auch immer man sie spielt – immer fallen zwei bis drei der Konzerte wortwörtlich aus der Zeit, passt das Aufblühen im Frühling nicht in den Herbst oder der kalte Winter nicht in den Sommer. Und doch gehören die „Jahreszeiten“ zu den bekanntesten und beliebtesten Werken barocker Musik überhaupt.

Der Grund liegt sicherlich in der bildhaften Eingängigkeit der Stücke. Aber natürlich nicht nur: Sie reizen jedes Ensemble, in dem bereits sattsam Gespielten andere Facetten zu entdecken, weitere Ebenen zu erschließen und das Bekannte womöglich als etwas gänzlich Neues vorzustellen. In diesem Geiste ging auch die Geigerin Anne Sophie Mutter während eines Konzerts in der Nibelungenstadt ans Werk und spielte Vivaldis „Le Quattro Stagioni“ mit „Mutter‘s Virtuosi“ aus ehemaligen und aktuellen Stipendiaten ihrer Stiftung.

Vor Ort hatte die Geigerin 2011 für ihr caritatives Engagement bereits den Gustav-Adolf-Preis erhalten, nun machte sie sich mit einem Benefizkonzert für die Belange der Lebenshilfe Worms-Alzey, die sich für geistig behinderte Menschen einsetzt, stark. Nachdem das Sinfonieorchester der Lucie-Kölsch-Musikschule sein Können mit Werken von Camille Saint-Saëns, Johannes Brahms und Jean Sibelius unter Beweis gestellt hatten, hieß es am Abend des erst Advents also Vorhang auf für das Spiel der Jahreszeiten, das Antonio Vivaldi so treffend in Töne gefasst hat.

Und dem spürte das Ensemble lustvoll nach: Mit vollem Ton, schwungvoll, dynamisch raffiniert abschattiert und konturenreich kommt „La Primavera“, der Frühling daher. Im Terzett der drei Soloviolinen tritt Mutter sympathisch als prima inter pares zurück, um dann mit kantablem Ton vor dem markanten Sforzati der Tutti-Geigen zu bestechen.

Filigran beginnt „L’Estate“, der Sommer, und das laszive Spiel der Künstler zaubert dem Zuhörer vielleicht ja die berühmten zerfließenden Uhren von Salvador Dalí in die Vorstellung, bevor im Presto des letzten Satzes buchstäblich das Wetter umschlägt und sich die aufgestaute Stimmung im brodelnden Gewitter Bahn bricht.

Es ist einfach eine Freude, dieser Künstlerin zu lauschen – und wie sie ihren Esprit den Stipendiaten mitteilt, die die Stimmungen gekonnt aufgreifen: die rustikale Eleganz in „L’Autumno“, dem Herbst, und mit metallisch kühlem Ton die schneidende Kälte in „L’Inverno“, dem Winter. Modulationen werden voll ausgekostet und die vertonten Bilder bekommen an vielen Stellen eine Art akustische Dreidimensionalität.

Da sind die benommenen Zecher nach rauschendem Fest, die muntere Jagd, das transparente Pizzicato des winterlichen Regens, das Knirschen des Eises im finalen Allegro – Vivaldis „Jahreszeiten“ sind schlicht Musik für die Ewigkeit. Der Einladung, sie immer wieder neu zu interpretieren, sind „Mutter’s Virtuosi“ an diesem Abend gerne nachgekommen. Und das begeisterte Publikum hält es nicht lange auf den Stühlen.

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