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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Der „Musikant Gottes“?

MAINZ (18. Februar 2015). Wenn Musikgelehrte coram publico über ihr Objekt der künstlerischen Begierde sprechen, hat das für das Auditorium nicht selten den Charme einer Weinprobe, der sie nur zusehen dürfen. Ähnlich verhielt es sich mit dem jüngsten Aschermittwoch der Künstler und Publizisten, zu dem das Bistum Mainz die Angesprochenen traditionell nach vorangegangener Eucharistiefeier im Dom mit Predigt des Mainzer Bischofs Karl Kardinal Lehmann in den Erbacher Hof eingeladen hatte.

Stets widmet man sich hier einem anderen Thema aus Kunst, Kultur und Gesellschaft – in diesem Jahr ging es um Anton Bruckner (1824-1896), den „Musikanten Gottes“. Es diskutierten Prof. Dr. Dr. h.c. Otto Biba als Direktor des Archivs der Gesellschaft der Musikfreunde Wien, Dr. Karl-Heinz Wiesemann als Bischof von Speyer und der GMD der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz Karl-Heinz Steffens. Das Gespräch geriet teils sachlich, teils emotional und war besonders für den Bruckner-Kundigen ein Genuss – andere konnten die Faszination, die der Komponist auf seine Anhänger ausübt, zumindest erahnen.

Kein runder Geburts- oder Todestag war der Anlass, sondern die Tatsache, dass sich die Deutsche Staatsphilharmonie anschickt, unter Steffens Leitung bis zum Herbst 2017 sämtliche neun Bruckner-Sinfonien des Komponisten in den Domen des Landes aufzuführen. Der Auftakt war am 11. Oktober 2014 in Speyer mit Nr. 9, weiter geht es am 23. Juli 2015 in Worms (Nr. 3), am 26. Juli in Trier (Nr. 4) und am 3. Oktober im Mainzer Dom (Nr. 6). Zusätzlich findet am 21. und 22. März im Erbacher Hof eine Tagung zu Leben und Werk Anton Bruckners statt.

Vor Ort erfuhr man nun, dass der Komponist, dessen Beiname „Musikant Gottes“ ihm erst posthum 1924 mit einem so betitelten Singspiel verliehen wurde, Zeit seines Lebens ein verkanntes Genie war: Seine Sinfonien fanden erst spät Beachtung und in den Augen seiner Zeitgenossen galt er als unbedarft, naiv und einfältig. Dass er in seiner Musik Halt fand, trifft nur zum Teil zu, denn zahlreiche Umarbeitungen dokumentieren eine stete Unzufriedenheit mit dem eigenen Schaffen. Umso interessanter ist es daher, dass für Bruckner offenbar mehr zählte, für wen er schrieb – und das war nicht zuerst sein Publikum, für das seine Musik oft zu sperrig war: Bruckner war ein tiefreligiöser Mensch, der sich stets bewusst war, auch für sein künstlerisches Tun einst Rechenschaft ablegen zu müssen.

Seine Sinfonien schrieb er zweifelsohne für den Konzertsaal, doch ähnelt die Architektur der Kompositionen eher der von Kathedralen, weswegen sich die rheinland-pfälzischen Dome auch als Spielstätte empfahlen. Einigkeit herrschte zwischen den Diskutierenden in der Bewunderung der enormen Spannungsbögen in Bruckners Sinfonien. Bischof Wiesemann sprach von der Verbindung zwischen Mikro- und Makrokosmos, GMD Steffens führte begeistert jenen Moment in Bruckners neunter Sinfonie vor Auge, in dem aus totalem Chaos eine lichte Melodiegestalt entschwindet und Bruckners Landsmann Biba berichtete allerhand Biografisches – letztendlich nutzte man den Abend auch, um die anstehende Tagung und die Domkonzerte mit den Sinfonien zu bewerben. Wer dieser Einladung Folge leistet, wird rückblickend auch vom diesjährigen Aschermittwoch der Künstler und Publizisten profitieren können.

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