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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wie ein funkensprühendes Dampfross

MAINZ (25. Januar 2014). Da steht er nun also auf der Bühne des Unterhauses, der neue Flügel. Während das Vorgänger-Instrument mittlerweile seine Reise in den Rheingau angetreten hat und sich der glückliche Gewinner Kai Los am Klang des ausrangierten Pianofortes erfreut, wartet die Klaviatur des neuen „Möbels“ nun darauf betastet zu werden. Eine Schonzeit hat der Flügel allerdings nicht und muss zu seiner Premiere gleich mit einem der Rasantesten mithalten: Axel Zwingenberger, König des Boogie Woogie, ist zu Gast. Und der Jazz-Monarch haut natürlich gleich voll rein in diese Tasten.

Hier rollt der Bass in der linken Hand, während die rechte pointiert die Melodien spielt. Zwar läuft beim Boogie Woogie irgendwie alles nach dem gleichen Schema ab, doch Zwingenberger versteht es, jedem Stück seine eigene(n) Note(n) zu geben. „Mit der Wucht und gleichzeitigen Schönheit der Melodieimprovisation vermittelt mir diese Musik als Spieler wie auch als Zuhörer immer wieder das Erlebnis ungebändigter Lebensfreude“, schrieb der Künstler vor über 20 Jahren zu einer seiner Aufnahmen. Und sicherlich ist das auch der Grund, warum Zwingenberger, wenn auch leicht ergraut, mit seinem Spiel, ja „seiner“ Musik noch immer den Charme des juvenilen Barpianisten versprüht.

Wenn dieser Künstler in die Tasten greift, scheint er den begrenzten Tonumfang des Flügels gewaltlos zu sprengen. Wie eine barocke Passacaglia, in der sich über die immer wiederholte Basslinie fantasievolle Melodievariationen entspinnen, funktioniert auch der Boogie Woogie: Wenn die linke Hand in Tonika, Dominante und Subdominante den Beat pulst, setzt Zwingenberger die Melodie im Diskant gleichsam unter Strom. Mit augenzwinkernder Coolness spielt der Pianist sein Programm „Blues? Boogie!“ aus Klassikern wie dem „Honkey Tonk Train Blues“ oder der atonal durchkreuzte Eigenkomposition „E-Mail special“.

Natürlich sind es vor allem die schnellen Nummern, die mitreißen: Hier parliert Zwingenberger mit unglaublicher Kunstfertigkeit und zeigt, wie lebendig dieser Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene Musikstil ist. Ein Steckenpferd des Pianisten sind übrigens alte Dampflokomotiven – und das kommt nicht von ungefähr, denn auch sein Spiel gleicht solch einer eisernen Zugmaschine: Langsam und schnaufend kommt sie in Fahrt, aber dann hält sie nichts mehr auf und wie ein funkensprühendes Dampfross rauscht sie am Zuhörer vorbei, reißt ihn als Passagier mit; der verschmilzt gleichsam mit der Musik, legt sich bei jeder tonalen Wendung mit dem Spieler in die Kurve und spürt die Akkorde, Oktavgriffe, Arpeggien, Triller und Praller fast schon körperlich wie peitschenden Fahrtwind.

Am Ende dieses Konzerts sind alle glücklich – das Publikum, der Pianist und wahrscheinlich auch der neue Flügel: Wenn er Zwingenbergers Tastenakrobatik aushält, kann ihn so schnell nichts umhauen. Und er hat ja jetzt Zeit zum Erholen: Bis sich wieder ein Künstler an das Instrument setzt dauert es ein bisschen. Und wenn Hagen Rether im März den Deckel aufklappt, werden die Tasten ja eher gestreichelt…

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