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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Packend erzähltes Leiden

MAINZ (22. April 2011). Was hätte Johann Sebastian Bach wohl am Tag der Uraufführung seiner Matthäuspassion zu der Prophezeiung gesagt, dieses Werk würde noch fast 300 Jahre später als Pflichtstück fast jedes Chores immer wieder aufgeführt – vor meist „vollem Haus“?

Auch der Bachchor Mainz widmete sich am Karfreitag in der Christuskirche dem vertonten Leiden und Sterben Jesu, wobei Dirigent Ralf Otto einer stringenten Dramaturgie folgte, einzig störend durchbrochen durch eine überflüssige Pause, da das Konzert aufgrund einer langwierigen und umständlichen Prozedur des Einlasses ohnehin schon mit Verspätung begonnen hatte.

Die Matthäuspassion ist der Höhepunkt von Bachs kirchenjahreszeitlich gebundenen Vokalwerken: In 15 Hauptszenen erzählt der Evangelist die Passion Christi, wobei der Komponist das gesamte Formenrepertoire der Musik seiner Zeit in einem Opus vereinigte: Rezitative, Arien, Einwürfe durch den Chor, die Choräle und faszinierende Mischformen, in denen die lyrischen Betrachtungen des Textdichters Picander mit Chören und Chorälen gekoppelt werden.

Zweifelsohne ist es neben dem unbedingten Willen, die werkimmanente theologische Aussage überzeugend wiederzugeben vor allem dieser Formenreichtum, der Otto und seinen Bachchor immer wieder aufs Neue reizt: Da sind die gereizten Turba-Chöre, in denen die Vokalisten mit theatralischem Gestus ein drängendes, fast schon fundamentalistisches Fanal setzen – und dazwischen die Choräle voll wunderbar intimer Momente. Mit diesen Stimmungsschwankungen wird gekonnt jongliert!

Das punktgenau und transparent agierende Orchester L’arpa festante München ist mit seinem Musizieren auf Originalinstrumenten seit langem ein agiler Partner des Bachchores. Auch die Gesangssolisten begleitet es einfühlsam, wobei hier stellvertretend Christoph Hesse (Violine) in der ergreifend ausgesungenen Alt-Arie „Erbarme Dich“ genannt sein soll.

Überhaupt die Solisten: Otto kennt seinen Bach genau und weiß, wer seiner Interpretationsrichtung schlüssig folgen kann. In dieser Aufführung waren dies Sopranistin Ulrike Hofbauer (hinreißend schön mit der Arie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“), Ulrike Mayer (Alt) und Klaus Häger (Bass), der nicht nur in der Arie „Mache dich, mein Herze, rein“ glänzte. Tenor Georg Poplutz überzeugte in seiner Evangelisten-Rolle als objektiver Erzähler, dem man anmerkte, dass auch ihn das Geschehen anrührt, wobei sich die Subjektivität dann in den Arien geschmackvoll Bahn brechen konnte. Einzig Konrad Jarnot stand stilistisch im Abseits und gestaltete seinen Christus von der ergreifenden Szene am Kreuz abgesehen recht blutleer und farblos.

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