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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Brahms-Requiem light

MAINZ (24. November 2012). Fraglos erlebte das Publikum des jüngsten Konzerts des Bachchors Mainz in der ausverkauften Christuskirche eine Darbietung von künstlerisch erlesener Qualität: Gemeinsam mit dem Chor der Hochschule für Musik führte man unter der Leitung Ralf Ottos „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms (1833-1897) auf, der dieses Stück auch für Klavier zu vier Händen gesetzt hatte. In einer von Heinrich Poos (*1928) bearbeiteten Fassung für zwei Flügel und Pauke erklang das Werk in Kombination mit den „Canti di prigionia“ von Luigi Dallapiccola (1904-1975).

Damit stand der Zuhörer, dem der Brahms als chorsinfonische Musik vertraut ist, aber auch vor einer Herkulesaufgabe: Wer verglich, hatte alsbald verloren, denn das Orchester, mit dem das Requiem heute zum Repertoire jedes guten Oratorienchores gehört, fehlt an zu vielen Stellen. Nicht nur im sechsten Satz, wenn der Bariton die Zeile „Zur Zeit der letzten Posaune“ intoniert, können zwei Konzertflügel die fehlenden Bläser und überhaupt das orchestrale Klangspektrum nur unzureichend ersetzen. Eine Aufführung des Brahms-Requiems in dieser Fassung mutet ohnehin eher wie ein (hier allerdings makelloser) Durchlauf mit Korrepetitor an – daran änderte selbst das von Poos hinzugefügte Schlagwerk, an diesem Abend gespielt von Babette Haag, leider nur wenig.

Für sein Konzert hatte der Bachchor mit Joseph Moog und Kai Adomeit zwei herausragende Pianisten verpflichtet, die gleich zu Beginn mit samtigem Anschlag aufhorchen ließen. Auch die ruhigen Sätze gaben den beiden Künstlern fruchtbare Möglichkeit zum Glänzen; in den mächtigen Fortepassagen wurde ihr Spiel jedoch unter dem satten Chorklang nahezu verschüttet.

Hatte man sich jedoch dazu durchgerungen, nicht in jedem Takt das Fehlen des Sinfonischen zu beklagen, konnte man zumindest eine großartige chorische Leistung goutieren: Wie Otto den mit rund 150 Stimmen besetzten Klangkörper zu einem Pianissimo diminuierte und wie der Chor ein Fortissimo sang ohne klobig auseinanderzubrechen zeigte, wie intensiv hier gearbeitet und die Musik durchdrungen wurde. Die Solisten – Julia Kleiter mit anrührend weichem Sopran und der für den erkrankten Konrad Jarnot eingesprungene Jochen Kupfer mit überzeugend verkündigendem Bariton – rundeten das genau ausgesteuerte vokale Bild perfekt ab.

Die drei „Gesänge aus der Gefangenschaft“ Dallapiccolas hatte Otto dabei mutig in das Werk, zuweilen sogar in den einzelnen Satz montiert, um die Hörgewohnheit des Publikums – wenn damit auch etwas zu kraftvoll – aufzubrechen. In kleinerer Besetzung zeigte sich der Chor, begleitet vom Percussion-Ensemble Haag, den beiden Pianisten und den Harfenistinnen Françoise Friedrich und Meret Haug auch hier äußerst stilsicher und meisterte die durchbrochene Zwölftönigkeit mit ihren sphärischen und irrlichternden Klängen packend.

Mochte man sich über die Dramaturgie des Abends wundern: Thematisch bildeten die Werke eine aufwühlende Einheit, verarbeitete doch Dallapiccola 1938 bis 1941 in den „Canti die prigionia“ seine Angst vor dem Faschismus in seiner Heimat Italien. Und Hoffnung angesichts tiefer Verzweiflung ist ja auch der Topos des Requiems von Brahms.

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