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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Das Geheimnis des Glaubens

MAINZ (18. April 2014). Wüsste man die Antwort, es wäre eine passable Quizfrage: Wie oft wohl werden die Bach-Passionen jährlich und weltweit aufgeführt? Für unzählige Menschen gehört gerade diese Musik zur Karwoche – die einen genießen sie andächtig als konzertantes Erlebnis, andere musizieren sie kunstvoll und mit ehrlichem Sendungsbewusstsein. Beide Gruppen finden jedes Jahr am Karfreitag in der Christuskirche zusammen, wenn der Bachchor Mainz das Erbe seines Namenspatrons pflegt.

In diesem Jahr stand Bachs Johannespassion in der 1725er Fassung auf dem Programm – Bach bearbeitete BWV 245 des Öfteren und hat hier Chöre und Arien ersetzt oder gestrichen sowie teilweise anders instrumentiert. Der eine mag sich am Fehlen des Schlusschorals „Ach Herr, lass Dein lieb Engelein“ stören, dem anderen ist vielleicht der hierfür eingesetzte Chor „Christe, Du Lamm Gottes“ aus BWV 23 zu sperrig – man lernt dafür aber eine andere als die gängige Version der Johannespassion kennen und auch dafür steht der Bachchor Mainz: immer wieder Neues zu entdecken.

Zum Glück aber ist gerade dieses Ensemble auch beruhigend konservativ: Intonation und Diktion kommen in gewohnter Qualität daher. Und doch muss gerade eine Bach-Passion immer ein paar Alleinstellungsmerkmale haben, was Otto mit kleinen, aber feinen Akzenten realisiert. Da ist beispielsweise die Bass-Arie, die Gotthold Schwarz nach dem Dahinscheiden des Gekreuzigten anstimmt: „Bin ich vom Sterben frei gemacht?“, heißt es dort und im von Bach in die Melodie hineinkomponierten Choral: „Jesu, der Du warest tot, lebest nun ohn‘ Ende“. Diese Verse stimmt der Bachchor schemenhaft, wie von ferne an und malt damit bereits die Vision der Auferstehung.

Da ist die opportunistische, rechthaberische und gehässige Masse, die in den Turba-Chören die Kreuzigung Jesu lautstark schäumend einfordert – und da sind die Choräle, deren Texte Bach musikalisch und Otto dynamisch wie agogisch ausdeuten: Sie dienen an diesem Abend nicht nur der Reflexion, sondern treiben den dramatischen Duktus der Johannespassion voran; der gemischt aufgestellte Chor, das vitale Bach-Orchester und die Solisten machen das Podest zur Bühne, eröffnen die Mehrdimensionalität dieser Musik.

Besonders in der Johannespassion braucht es vor allem einen guten Evangelisten: Georg Poplutz, der auch die Tenorarien singt, gestaltet die Rolle gekonnt, denn einerseits muss er die Geschichte ja möglichst objektiv erzählen, andererseits lässt Bach ihm gar keine andere Wahl als vom Geschilderten ergriffen zu sein. Und wie könnte er auch anders, bei diesem Christus: Felix Rathgeber deutet die Worte Jesu innig, ohne Affekt und verleiht ihnen so Würde und Autorität – es gibt unzählige Sänger, die diese Partie singen, aber so melodiös und ergreifend gelingt es wenigen.

Da ist gar nicht mehr wichtig, dass es Jasmin Hörner (Sopran) und Franziska Gottwald (Alt) in ihren Arien an echter Kontur diesmal eher gebricht. Das Geheimnis des Glaubens eröffnet Bach ohnehin in einem Choral: „Durch Dein Gefängnis, Gottes Sohn, muss uns die Freiheit kommen.“ Und diese Erkenntnis wird einem geschenkt, wenn Otto Chor und Orchester ganz schlicht schließen lasst: „Denn gingst Du nicht die Knechtschaft ein, müsst unsre Knechtschaft ewig sein.“

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