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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Klingende Rache

MAINZ (31. Januar 2016). Wenn der Bachchor Mainz auch abseits vokaler Großprojekte als Konzertveranstalter auftritt, kann sich das Publikum stets auf exquisite Kammerkonzerte freuen. Im Fokus der jüngsten Soiree stand eines der großen Werke des Thomaskantors: sein „Musikalisches Opfer“, dem Preußenkönig Friedrich II. dargebracht.

Eine spannende Geschichte ist das, die an diesem Abend nicht nur vom exquisiten Ensemble – Paul Dahme (Traversflöte), Ingo de Haas (Violine), Ludwig Hampe (Viola), Marie Deller (Violoncello) und Manuel Dahme (Cembalo) – erzählt wird. Die musikalische Darbietung wird von der Schilderung der Entstehung dieses Werkes eingerahmt, was dem seit 1978 am Staatstheater Darmstadt engagierten Schauspieler Aart Veder obliegt.

Bach nimmt 1747 die beschwerliche Reise von Leipzig nach Potsdam auf sich, wo er seinen Sohn Carl Philipp Emmanuel treffen will, der am Hof Friedrich II. das Cembalo spielt. So wie Veder berichtet, meint man fast, einen Film vor dem geistigen Auge zu sehen. Tatsächlich gibt es ihn: Er heißt „Mein Name ist Bach“, besetzt mit Jürgen Vogel in der Rolle des Preußenkönigs und Vadim Glowna als Bach. Spielt der Film jedoch recht frei mit der Historie, orientiert sich der Bericht von Aart Veder an den Fakten.

Friedrich lässt Bach sogleich ins Schloss kommen und zeigt ihm die für Sanssouci bestimmten Tasteninstrumente. Dabei präsentiert er ihm das berühmte Thema, auf dem das „Musikalische Opfer“ fußt, und bittet Bach um eine dreistimmige Fuge darauf. Zur Verblüffung aller kommt der Thomaskantor dieser schier unlösbaren Aufgabe nach. Doch der König gibt sich provokant und verlangt eine Fuge mit sechs Stimmen. Da muss Bach kapitulieren: Nach einer zweitägigen Kutschfahrt sieht er sich hierzu nicht in der Lage – und ist blamiert. Die „Rache“ folgt wenige Wochen später, als Bach die gelöste Aufgabe kunstvoll gedruckt an den König schickt. Sie ist für diesen jedoch schier unspielbar. Nun ist der Regent der Düpierte. Hat er verstanden und daher nie auf das „Opfer“ reagiert?

Die Musiker des Abends spielen äußerst transparent und homogen, mit warmem Schmelz und gediegenem Fluss. Schade, dass die Akustik der Christuskirche das Spiel auf dem Tafelclavier kaum trägt – im Tutti erlebt man indes die ganze Noblesse des „Musikalischen Opfers“. Das Thema erklingt kunstvoll registriert auf den verschiedenen Instrumenten und wird stilvoll umwoben, wobei das Ensemble die berühmten Noten wie mit einem Textmarker angestrichen stets präsent in den Vordergrund rückt.

Die Zugabe ist der Höhepunkt, auf den das ganze Werk, ja die ganze Geschichte hinausläuft: das sechsstimmige „Ricercar“ (Regis Iussu Cantio Et Reliqua Canonica Arte Resoluta – auf Geheiß des Königs die Melodie und der Rest durch kanonische Kunst erfüllt), das erst auf dem Cembalo und dann nochmals von allen Musikern gespielt wird.

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