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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Verfrühtes Weihnachtsgeschenk

ANSBACH (1. August 2015). Rückblende: Am 22. Dezember 2011 kommen unter der Leitung von Karl-Friedrich Beringer die ersten drei Kantaten aus Bachs Weihnachtsoratorium in St. Gumbertus zur Aufführung. Solisten sind Jutta Böhnert (Sopran), Rebecca Martin (Alt), Markus Schäfer (Tenor) und Thomas Laske (Bass). Es singt der Windsbacher Knabenchor, es spielen die Deutschen Kammer-Virtuosen Berlin. Rund dreieinhalb Jahre später musizieren der gleiche Chor, dieselben Solisten, dasselbe Orchester. Nur stehen jetzt die Kantaten IV bis VI auf dem Programm – und am Dirigentenpult Martin Lehmann.

Es war Beringers letztes Konzert als Künstlerischer Leiter der Windsbacher, der Mitschnitt erschien ein Jahr später bei Sony auf CD. Jetzt hat der Knabenchor nachgelegt und die für eine Gesamteinspielung fehlenden Partien aufgenommen – in nur zweieinhalb Tagen. Die beiden Konzerte der Bachwoche Ansbach werden ebenfalls mitgeschnitten. Das Resultat erscheint bei Sony noch in diesem Jahr. Somit liegt faktisch eine Gesamtaufnahme des Oratoriums mit den Windsbachern vor. Eine tolle Idee: Beringer führte den Chor zu seinem Weltruhm – Lehmann konnte nahezu nahtlos an den Erfolg seines Vorgängers anknüpfen, was diese CD dokumentiert. Allein der für die jungen Sänger aufbrandende Applaus am Ende des Konzerts spricht Bände.

Doch zurück an den Anfang: Weihnachtsoratorium im August? Selbst im Rahmen der Bachwoche Ansbach wirkt das wie ein Anachronismus. Doch gilt die frohe Botschaft, die der Engel in der zweiten Kantate von BWV 248 verkündet hat, nur im Dezember? Lehmann geht das Werk mit einer juvenilen Frische an, die den zeitlichen Kontext schlicht unwichtig macht.

Vielleicht, um den einen Kritikpunkt gleich zu Beginn anzusprechen, manchmal ein wenig schnell („Herr Lehmann mag es flott“, titelte schon der Wiesbadener Kurier am 20. Dezember 2013 über ein Weihnachtsoratorium mit den Windsbachern). Namentlich im Eingangschor der Kantate V und in den Tenorarien „Ich will nur Dir zu Ehren leben“ sowie „Nun mögt Ihr stolzen Feinde schrecken“ kommt es zu agogischen Haarrissen, die zwar schnell und so elegant wie irgend möglich ausgeglichen werden. Aber sie werfen die Frage auf, ob es das Risiko wert ist, aus der Kurve getragen zu werden. Ohne Zittern hört sich’s einfach entspannter.

Gleichviel: Auch diese rasanten Partien gestalten Chor, Orchester und der Solist mit Fortune. Überhaupt Markus Schäfer: In Bachs Weihnachtsoratorium ist der lyrische Tenor derart beheimatet, dass er die Partitur glatt als Zweitwohnsitz anmelden könnte. Dabei ist jedes seiner Rezitative immer wieder neu und von unglaublichem Staunen über das zu Schildernde erfüllt – packend, weil der Erzähler selbst gepackt ist. Die Arien klingen leicht und unverkrampft, die Koloraturen wie mit der Maschine genäht – man ist wunschlos glücklich.

Gleicher Genuss bei Thomas Laske: Seine Stimmführung ist so gradlinig, dass man ein Lineal anlegen könnte. Der nobel-baritonal gefärbte Bass nimmt sich selbst zurück und leiht einzig dem Geschehen seine Stimme. Die Botschaft ist wichtig, nicht das Timbre. Dadurch klingt beispielsweise das Rezitativ „Immanuel, o süßes Wort“ unglaublich klar, schlicht, unaufdringlich. Und trotzdem – oder gerade deswegen – trifft es einen mitten ins Herz.

So wunderbar „unpersönlich“ wie Laske gestalten auch Jutta Böhnert und Rebecca Martin ihre Partien: Bei ihnen steht ebenfalls das gesungene Wort im Mittelpunkt. Man wünscht sich gerade bei Bach mehr solche Künstler, die sich nicht störend vor die Komposition, sondern voll in ihren Dienst stellen. Auch dank des Knabensolos von Sebastian Posen begleitet einen die Sopranarie „Flößt, mein Heiland“, bleibt das energische Einmischen des Alts im Terzett mit Sopran und Tenor („Ach, wenn wird die Zeit erscheinen?“) noch lange im Gedächtnis.

Das Programmheft schweigt sich leider über die Namen der Instrumentalsolisten aus, weswegen sie anonym gelobt werden müssen; es wären auch zu viele, um sie einzeln aufzuführen: die Violinen, Oboen, Blechbläser, ein auf den Punkt musizierendes Continuo – die Kammervirtuosen und die Windsbacher: Hier haben sich zwei gefunden, die miteinander können! Man merkt die unbedingte Bereitschaft, sich aufeinander einzulassen. Gewinner ist hierbei vor allem einer: Bach. Und mit ihm das Publikum.

Der Chor absolviert die letzten beiden Konzerte der Saison, bevor es in die Sommerferien geht. Doch die Konzentration steht, Lehmann formt mit energischem Dirigat jede Silbe, jeden Ton. Die Soprane springen federleicht in höchste Regionen, wenn es in Kantate V heißt „Ehre sei Dir Gott!“, die unbedingte Diktion in den Chorälen unterstreicht deren Botschaft. Muss man diese absolute Transparenz, diese hundertprozentige Homogenität eigentlich noch lobend erwähnen?

Und einmal, da ringt man wirklich um Fassung: In Kantate VI, nachdem der Evangelist die Gaben der drei Weisen aufgezählt hat, intoniert der Chor a cappella und in fast unhörbarem Pianissimo: „Ich steh‘ an Deiner Krippen hier“. Welch ein grandioser Coup, der ohne jede Effekthascherei seine Wirkung erzielt. Das bleibt, darüber grübelt man noch lange nach – gerade in diesen Tagen, wo Tausende von Flüchtlingen ihr Heil in der Fremde suchen: Jesus‘ Familie ging es damals nicht anders. Und was geben wir? Herz, Seel und Mut?

Beringers Abschiedskonzert endete damals mit dem Schlusschor der dritten Kantate, in dem es heißt: „…weil unsere Wohlfahrt befestiget steht.“ Dass dies in Windsbach tatsächlich der Fall ist, beweist der Chor nicht zuletzt mit diesem Weihnachtsoratorium. Wie passend, dass das Konzert 2015 mit der ersten Zeile des Eingangschors aus Kantate IV geradezu darauf zu reagieren scheint: „Fallt mit Danken, fallt mit Loben vor des höchsten Gnadenthron!“ In der Tat: Gott sei Dank.

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