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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Simply the best

FRANKFURT (7. Dezember 2016). Eigentlich war man ja nur zum Zuhören in die Alte Oper gekommen. Der Stift blieb im Futteral, gespitzt waren einzig die Ohren: Weihnachtliche Chormusik von Felix Mendelssohn Bartholdy, selten aufgeführt, wenig bekannt, dafür jedoch gesungen von einem der weltbesten, gemischten Vokalensembles, dem Balthasar-Neumann-Chor unter der Leitung von Thomas Hengelbrock. Man lauschte, genoss und kann die Tinte nun doch nicht halten…

Wie wundervoll, dass diese Musik auch mal abseits eines runden Geburts- oder Todestages erklingt, wo man quasi per ordre in die wenig ausgeleuchteten Ecken eines kompositorischen Œuvres blickt: das D-Dur-Magnificat, dass Mendelssohn Bartholdy mit 13 Jahren schrieb, die Choralkantaten „Verleih uns Frieden gnädiglich“ und „Vom Himmel hoch“, der ebenfalls orchesterbegleitete Psalm 98 „Singet dem Herrn ein neues Lied“, ein „Ave Maria“ und schließlich der erste Teil des ohnehin nur fragmentarisch gebliebenen Oratoriums „Christus“. Wie spannend, sich hier mal umzuhören und die Genese des Komponisten mitzuerleben, der sich als Knabe noch an den Altvorderen wie Mozart oder Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel orientierte, um später seine eigene Sprache zu finden.

Festlich beginnt das Magnificat, mit großem Apparat (Balthasar-Neumann-Orchester). Chor und Soli im Wechsel, das kennt man, beispielsweise von Bach. Schon im ersten Werk des Abends offenbart der Balthasar-Neumann-Chor einmal mehr seine unglaublich ergreifende Qualität: Wie homogen und transparent, wie satt im Klang, vollkommen rund, ohne jegliche scharfe Kanten, dafür jedoch mit klarer Kontur – und das live, nicht auf CD gebannt, wo man kleinste Unebenheiten technisch nivellieren kann. So etwas zu erleben ist schlicht großartig.

Beim Solo von Agnes Kovacs, deren Sopran in den tiefen Lagen etwas im Orchester versinkt, verspürt man die tiefe Sehnsucht des Connaisseurs, der bei einer Weinprobe von einem besonders edlen Tropfen nur einen zu kleinen Schluck eingeschenkt bekommt. Und die allzu opernhafte Gestik von Bass Marek Rzepka lenkt leider von seinem eigentlich packenden Gesang ab – doch das war’s dann auch schon mit der Beckmesserei.

Ansonsten Klangschönheit, wo man hinhört: Die Soli von Katja Stuber (Sopran), Anne Bierwirth (Alt) und Stefan Geyer (Bass), besonders aber von Virgil Hartinger (Tenor) und Thilo Dahlmann (Bass) lassen einen staunen, denn sie fügen sich sofort wieder ins chorische Gesamt ein. Dynamische Feinstarbeit, ein hingehauchtes Piano, ein kraftstrotzend-glänzendes Forte, lebendige Linienführung, eine dichte Klangstruktur und trotzdem klingt alles organisch, nie einstudiert: Thomas Hengelbrock hat mit dem Balthasar-Neumann-Ensemble einen Chor zur Hand, der ihm nicht nur auf den kleinsten Fingerzeig aufmerksam folgt, sondern offenbar auch schon in der privaten Vorbereitung genau weiß, wo die Reise hingehen soll.

Ein Wort noch zum Veranstalter, der Frankfurter Konzertdirektion Pro Arte mit ihrem Geschäftsführer Michael Herrmann: Eine Bach-Passion, das Weihnachtsoratorium oder Händels „Messiah“ zu bieten, ist ein eher risikoarmes Unterfangen – jedoch Mendelssohns kaum beachtete Musik zu präsentieren, das verlangt schon eine gehörige Portion Mut, selbst wenn man mit dem Balthasar-Neumann-Chor einen der besten auf die Bühne stellt. Doch die Liebe zur Musik und die Neugier auf Unbekanntes steckt offenbar an: Das Konzert in der Alten Oper war zwar nicht restlos ausverkauft, doch erstaunlich gut besucht. Der Applaus am Schluss klang allerdings, als wäre der Große Saal rappelvoll gewesen.

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