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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Hohes Tempo bremst Genuss

MAINZ (2. Mai 2015). Er ist einer der führenden Köpfe, wenn es um Bach und seine Musik geht: Ton Koopman. Von ihm existiert eine bemerkenswerte Gesamtaufnahme des Kantatenwerks und in der historischen Aufführungspraxis hat der Dirigent und Organist Maßstäbe gesetzt.

Insofern ist es ein besonderes Geschenk, dass der Exzellenzstudiengang Barock Vokal der Mainzer Musikhochschule so gute Verbindungen mit dem Künstler pflegt und ihn immer wieder für Gastkonzerte vor Ort gewinnen kann – für die Musizierenden wie für das Publikum.

Im Kurfürstlichen Schloss gastierte Koopman jetzt mit jungen Stimmen von Barock Vokal und der Camerata Villa Musica. Zur Aufführung kamen neben der Orchestersuite C-Dur (BWV 1066) zwei Vokalwerke des Thomaskantors: die Hochzeitskantate BWV 202 und „Schwingt freudig euch empor“ (BWV 36c).

Bach und Koopman – beide bilden eine Einheit. Das spürt man, wenn man die Musik hört. Fast kommt ein wenig Neid gegenüber den Musizierenden auf, die den Dirigenten ja frontal erleben – das Auditorium sieht das Konterfei Koopmans immer nur kurz im Profil, wenn er sich zu Violine oder Bass hinwendet. Doch blickt man in die Augen der jungen Künstler, so spiegelt sich Begeisterung darin. Und wenn der dankbare Schlussapplaus erklingt, sieht man in das offen strahlende Gesicht des Dirigenten.

Bereits in der Ouvertüre setzt Koopman auf Tempo, Akzente und elegante Bögen. Wunderbar transparent erklingt das solistisch besetzte Werk – der volle Klang gaukelt wohlig mehrere Musiker vor. Die Oboen dialogisieren über dem fast schon swingendem Fagott, die Streicher geben sich im Menuett deliziös kammermusikalisch und in der Gavotte bringt Koopman durch retardierende Momente zusätzlich Schwung in die Musik. Angestaubter Barock? Nicht mit Koopman und nicht mit der Camerata Villa Musica!

„Weichet nur, betrübte Schatten“, heißt es im ersten Satz der Hochzeitskantate – die Sopranistin Alexandra Samouilidou singt ihre Partie mit einer Präsenz, die jene Gespenster wirklich aufschrecken dürfte. Nur wenigen Stellen verleiht die Solistin vielleicht ein wenig zu viel dynamisches Gewicht, ansonsten überzeugt sie durch klangschöne Linienführung und schnörkelloses Timbre.

Einziger Wehrmutstropfen des Konzerts waren einige seltsame Momente in der Kantate „Schwingt freudig euch empor“, einem Stück zu Ehren eines Professors, das Bach wenig später zur (geläufigeren) Adventskantate umschrieb. Aus den Reihen der Solisten konnte nur Christian Wagner mit kernigem Bariton begeistern, während die Partien von Kiyoko Nakashima (Sopran) und Jonas Boy (Tenor) eher farblos ausfielen. Vor allem im Schlusschor hetzte Koopman die Musik schlicht zu Tode – wäre die Kantate ein Auto und sein Fahrer an diesem Abend geblitzt worden, der „Lappen“ wäre auf Monate weg und das Flensburger Punktekonto voll.

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