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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Barockes Gipfeltreffen

MAINZ (10. August 2010). Sie haben sich nie getroffen, diese beiden Großen des Barock, die beide 1685 das Licht der Welt erblickten: Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel. Dieses Faktum inspirierte den Schriftsteller Paul Barz anlässlich der 300. Geburtstage der beiden Komponisten dazu, in einem Theaterstück 1985 diese „Mögliche Begegnung“ nachzuholen. Gleiches gelang jetzt dem Mainzer Musiksommer in der St. Antoniuskapelle.

Inszeniert von der Berliner Barock Compagney – Barbara Halfter (Violine), Jan Freiheit (Viola da Gamba) und Michaele Hasselt (Cembalo) – kam es hier zu diesem fiktiven barocken Gipfeltreffen: Auf der einen Seite Bach, der kühle Kontrapunktiker, auf der anderen Seite Händel, der galante Freigeist – könnte man meinen. Doch die Künstler des Abends drehten den Spieß musikalisch um und zeigten anregend, dass dem einen durchaus auch die stilistischen Kleider des anderen passen – und stehen.

Händels Violin-Sonate F-Dur (HWV 370) zeigt die introvertierte Seite des Hallensers, die die Berliner Barock Compagney im scheuen Adagio und frei schwebenden Largo hervorkehrten; im Gegensatz hierzu gelangen ihnen die fidelen Allegro-Sätze burschikos markant und kraftvoll. Den eleganten Gestus atmete dann Bachs Orgel-Sonate Nr. 5 in C-Dur (BWV 529) in der Fassung für Violine, Gambe und Cembalo, in der die Künstler die Virtuosität vor die Strenge des Satzes rückten.

Intime Momente schuf Jan Freiheit in der Sonata f-moll (HWV 364b) für Viola da Gamba im knappen Adagio, bevor er im Allegro höchste Spielkunst unter Beweis stellte. Ihm stand Michaela Hasselt in nichts nach: Bachs Französische Suite Nr. 2 in c-moll (BWV 813) für Cembalo solo geriet ihr mit gedämpfter Dynamik, in der sie mit reizvollen Ritardandi kunstvolle Effekte setzte, die dem Melodiefluss elegante Windungen verlieh.

Etwas älter als Bach und Händel war Philipp Heinrich Erlebach (1657-1714), der das tonsetzerische Duo an diesem Abend zum Trio erweiterte. Über tausend Stücke – Kammermusik und Werke für Orchester, Opern, Kantaten und Oratorien – hat Erlebach geschrieben, die größtenteils 1735 bei einem Brand des Schlosses in Rudolstadt, wo er bei Hofe als Kapellmeister angestellt war, vernichtet wurden.

Etwa 70 Kompositionen konnte man jedoch retten, darunter die „Sonata terza“ für Violine, Viola da gamba und Basso continuo A-Dur, die dem Komponistentreffen eine bemerkenswerte Farbe hinzufügte: Melodiös klangverliebt und mit romantischer Ader musizierte die Berliner Barock Compagney dieses Werk aus und brachte Erlebachs verspielt barockes Kleinod mit höchster Virtuosität dar – für das Publikum wahrscheinlich eine Uraufführung dieses zu Unrecht vergessenen Meisters.

SWR2 sendet einen Konzertmitschnitt am 15. Oktober ab 13.05 Uhr.

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