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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wie im Himmel

KIEDRICH (24. Juli 2011). Mit „Gesang der Engel“ war das Konzert des Chores des Bayerischen Rundfunks und des Münchner Kammerorchesters in Kloster Eberbach überschrieben – ein Titel, dessen klangliche Umsetzung schnell ins Kitschige rutschen kann. Doch hatten die Interpreten des Abends bei der Werkauswahl eine glückliche Hand und angesichts der makellosen Darbietung hatte man tatsächlich den Eindruck ihn zu hören: den Gesang der Engel.

Ruhig, gelassen, ja behütet stimmt der Chor das „Ave verum corpus“ von Wolfgang Amadeus Mozart an: Die Motette D-Dur KV 618 für vier Singstimmen, Streicher und Orgel ist ein einziges Fließen und die Vokalisten schweben transparent über den Instrumenten: Schicht legt sich hier auf Schicht, doch die Kraft kommt aus der Zurückhaltung; dieser Chor braucht kein Forte, um zu überzeugen – im Gegenteil: das Piano ist so seidig und geschmeidig, dass man kaum 40 Stimmen dahinter vermutet.

Statt des ursprünglich angekündigten „Adagio for Strings“ von Samuel Barber nimmt das Münchner Kammerorchester unter der versierten Leitung von Peter Diikstra seine Zuhörer mit auf eine Erinnerungsreise: „Für Lennart in memoriam“ von Arvo Pärt ist das Alternativprogramm. Die Streicher kreisen in gedrücktem Lamento immer wieder um die gleichen Figuren – ein Grübeln über den Sinn des Unbegreiflichen. Hier wird Pärts Kunst des Minimalismus einmal mehr überzeugend interpretiert; der Komponist selbst ist davon überzeugt, „dass nämlich die Wahrheit in ihrem Innersten von außergewöhnlicher Einfachheit ist.“ Diesen Gedanken setzte Dijkstra in bestechender Klarheit um.

Drei weitere A cappella-Stücke rundeten die „Ouvertüre“ zum eigentlichen Kernstück des Abends, dem Requiem op. 48 von Gabriel Fauré ab: Das betörende „O sacrum convivum“ von Olivier Messiaen und Anton Bruckners „Ave Maria“ und „Os justi“. Besonders mit diesen Werken zeigte der Rundfunkchor seine Fähigkeit zur unbedingten Homogenität: Hier finden sich die Stimmen und verschmelzen zu einer, deren Klang sich dadurch wiederum potenziert. Dieses Ensemble gehört aktuell zweifelsohne zu den besten Chören des Landes.

Und so war das Requiem „nur“ ein weiterer Höhepunkt des an Empfindungen so reichen Abends: Gemeinsam mit dem kernigen Bariton Konrad Jarnots und dem wohldosiert tremolierenden Sopran Sunhae Ims gelang Sängern und Instrumentalisten eine Mut machende Interpretation dieses dunkel schattierten Stückes. Gleich erhaben wie im ersten Konzertpart erwiesen sich Chor und Orchester als geschmackvolle Partner, die mit ergreifender Dynamik den zentralen Begriff des ewigen Lichts musikalisch illuminierten. Im „Pie Jesu“ flackerte der Solosopran einer Kerze gleich, deren klares Licht die Dunkelheit doch zu durchbrechen vermag und nicht nur im finalen „In Paradisum“ war er wieder zu hören: der Gesang der Engel.

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