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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Brahms am Rhein statt „Humba, humba, humba tätärää!“

NEUWIED-ENGERS – Wir befinden uns im Jahre 2009 n. Chr. Ganz Rheinland ist von Jecken und Narren besetzt. Ganz Rheinland? Nein! Eine von unbeugsamen Musenfreunden bevölkerte barocke Residenz hört nicht auf, dem „Humba, humba, humba tätärää“ Widerstand zu leisten.

Auch ohne Kostüm kam man sich in Schloss Engers am Fastnachtswochenende vor wie Asterix. Der „Zaubertrank“, den Villa Musica in Schloss Engers anbot, wurde jedoch nicht von Miraculix gebraut, sondern bestand aus vier Konzerten, die an drei Tagen alle Sonaten für Violine, Cello und Klarinette sowie drei Klaviertrios und das Klarinettentrio von Johannes Brahms (1833-1897) präsentierten.

Brahms liebte den Rhein, das wurde nicht nur im Verlauf des informativen Einführungsvortrags von Dr. Karl Böhmer deutlich, in dem der Dramaturg der Landesstiftung vom großen Einfluss der Wanderungen und Sommerfrischen des Komponisten auf dessen Werke berichtete: Johannes Brahms ließ sich von der Natur inspirieren, womit die Konzertreihe automatisch dem aktuellen Saisonmotto von Villa Musica – „Wie ein Naturlaut“ – folgte.

Die Interpreten des Wochenendes waren die Mitglieder des Ensembles Villa Musica Nicolas Chumachenco (Violine), Martin Ostertag (Cello), Ulf Rodenhäuser (Klarinette) und Kalle Randalu (Klavier). In wechselnden Besetzungen zeichneten sie ein lebendiges Brahms-Bild, das ihn klanglich in den verschiedenen Epochen seines Schaffens zeigte.

Zwei der vier Konzerte – das erste und das letzte – sollen im Folgenden näher betrachtet werden. Dass es durchaus lohnte, sich der anspruchsvollen Herausforderung, alle vier anzuhören, zu stellen, wurde am von Konzert zu Konzert wachsenden Verständnis der Brahms’schen Musik deutlich.

Nicolas Chumachenco und Kalle Randalu, der erstmals auf dem neuen Steinway-Flügel spielte, eröffneten den Reigen mit der Violinsonate G-Dur, op. 78 mit voluminösem Klang der Geige auf satten und weichen Pianomelodien. Die Schlussakkorde des ersten Satzes Vivace ma non troppo klangen hierbei wie kleine Säbelhiebe – ein krasser Gegensatz zum folgenden Adagio, das Chumachenco mit intensiven Legatobögen gestaltete. Diese Lesart mag Geschmackssache sein und war in der Pause durchaus Gegenstand mancher Diskussion: Wie ein Aquarell ließ der Violinist seine Noten verschwimmen und zog sie so eng wie möglich zusammen – das Klavierspiel Kalle Randalus wurde somit quasi zur aufnehmenden Leinwand, auf der sich die Klangfarben vermischten. Tänzerisch und losgelöst schuf das finale Allegro ma non troppo eine gänzlich neue Stimmung.

„Fräulein Klarinette“ war eine Liebe, die Brahms erst spät entdeckte. Und doch entstanden mit den Sonaten in f-moll, op. 120,1 und Es-Dur, op. 120,2 sowie dem Klarinettentrio a-moll, op. 114 wunderbare Stücke. In der f-moll-Sonate bewegte sich Ulf Rodenhäuser in einer großen Varietät dynamischer Schattierungen vom kräftigen und blutvollen Spiel bis zum hauchdünnen Pianissimo, das sich wie eine Firniss auf die Klaviatur legte. Dem rustikalen Einfluss der Natur sowie Brahms‘ Liebe zur österreichisch-ungarischen Musik spürte Rodenhäuser vital im Ländler des dritten Satzes und im eher heiteren Impetus des folgenden Vivaces nach. Nicht nur hier war die Sommerfrische zu spüren.

Und nun der Sprung über die Violinsonate d-moll, op. 108, das höchst virtuos gespielte Violin-Scherzo c-moll, WoO2 aus der F.A.E.-Sonate und das Klaviertrio a-moll, op. 114 sowie die Cellosonate F-Dur. Op. 99, die Violinsonate A-Dur, op. 101 und das Klaviertrio c-moll, op. 101 direkt in die Matinee am Rosenmontag um punkt 11 Uhr.

Fast wirkte sie wie ein großflächiges Gemälde aus Licht und Schatten, diese eigenartige Stimmung: Die Vorbereitungen des organisierten rheinischen Frohsinns zu Karneval auf der einen und die grauen Wolken über dem Rhein passten wie bestellt zur Cellosonate e-moll, op. 38. Einem Harlekin mit lachendem und weinendem Auge gleich spielte Martin Ostertag das Allegro non troppo voll süßer Melancholie und mit zartem Schmelz in den Legatobögen, das Allegretto quasi Menuetto tänzerisch galant und das abschließende Allegro mit seiner rasanten Fuge, um die anfängliche Schwermut endgültig zu vertreiben. Und brachen sich nicht just in diesem Moment ein paar Sonnenstrahlen ihre Bahn durch den trüben Vormittag?

Dramaturgisch klug schloss das Brahmswochenende in Schloss Engers mit dem Klaviertrio C-Dur, op. 87 mit den Variationen des Andante con moto, deren scharf nachgezeichnete Innigkeit im folgenden Presto erfrischend zu explodieren schien. Und das Finale setzte schließlich einen gelungenen Schlusspunkt, ganz im Sinne des englischen Musikwissenschaftlers Sir Donald Francis Tovey (1875-1940), der dieser letzten Sequenz eine „großartige Klangfülle“ bescheinigte – was sicherlich für alle Momente der vier Konzerte galt.

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