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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Der Trost besiegt die Trauer

KIEDRICH (6. Juli 2012). Das zweite Konzert in der festivalinternen Reihe „Wegbegleiter“, begrüßte nach Ludwig Güttler und den „Virtuosi Saxoniae“ Frieder Bernius und seinen Kammerchor Stuttgart sowie die Klassische Philharmonie Stuttgart zu einem Vokalkonzert der Extraklasse: Nach Franz Schuberts „Gesang der Geister über den Wassern“ D 714, das der Männerchor mit Streichern quasi als Entrée gestaltet hatte, setzte man mit dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms einen Akzent des Trostes, der die Trauer zu besiegen vermag.

Zu Schubert später, denn die Kongruenz zwischen den beiden Werken offenbart sich dem Hörer vor allem im Verlauf des zweiten; nur so viel: die Männerstimmen, die die Vertonung des gleichnamigen Goethe-Textes vortrugen, bestachen durch Homogenität und Transparenz, die man auch im Gesamtchor mit seinen überwiegend jungen Frauenstimmen goutieren durfte. Gleiches galt hier für das Verhältnis zwischen Chor und Orchester, das sich in allen Registern dem hohen Anspruch des vokalen Klangkörpers an- und somit zu einer überzeugenden Einheit zusammenschloss.

Und dann: Brahms. Frieder Bernius lässt seinen Chor den ersten Einsatz unglaublich zart intonieren: „Selig sind, die da Leid tragen“. Und da sind sie zu hören, die Geister, die Schubert zuvor über den Wassern schweben ließ: „Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt es“, heißt es dort. Vor allem der federleichte, aber doch ergreifend transparente Sopran des Kammerchors zieht sich hier wie ein tröstliches Leuchten durch das Requiem, das Bernius mit einer wohl dosierten Dramatik ausgestaltet. Fahl schleppt sich die Trauergemeinde dahin: „Sie gehen hin und weinen.“ Aber dann vernimmt man fast schon plastisch das Aufblühen des besungenen Samens: „Und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.“ In jeder Note, nicht erst im rauschenden „Tod, wo ist dein Stachel“ des fünften Satzes, folgt Bernius dem Optimismus, der sich dem Ende entgegenstemmt.

Auch und vor allem im zweiten Satz wird die metaphysische Assonanz zu Schuberts „Gesang der Geister über den Wassern“ offenbar: Wurden hier die ragenden Klippen, die schäumende Woge und der schließlich im „flachen Bette“ schleichende Bach artikuliert, erinnert das Stampfen des zweiten Satzes „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ an ein Schiff auf hoher See und Bernius zögert den Scheitelpunkt der wuchtigen Welle gekonnt heraus, um sie hernach elegant auslaufen zu lassen. Man spürt den Wechsel von An- und Entspannung hier geradezu physisch und wird durch den fanfarenartig erschallenden Ruf „Aber des Herrn Wort bleibet ewig“ gleichsam aus der Ermattung gerissen: Mit dem zackigen „Die Erlöseten des Herrn“ zieht einen der Chor mit, sozusagen ein „Onward Christian Soldiers!“ der deutschen Romantik – Widerstand ist zwecklos.

Die Solisten des Abends überzeugen unterschiedlich: Während Bariton Hans Christoph Begemann mit maskuliner Markanz auftrumpft, will der Sopran Birgid Steinberges nicht so recht zur Klangschönheit des vokalen Klangkörpers passen und ihr Einsatz im fünften Satz verklingt ohne emotionalen Nachhall. Begemann aber gibt dem Chor rezitatives Geleit, wenn er im sechsten Satz mystisch seine Geheimnis verrät: „Wir werden nicht alle entschlafen.“, nachdem bereits zuvor die pure Zuversicht erklang: „Ich hoffe auf Dich“, hebt gewichtslos ab, das ausdrucksvolle „Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand“ und das anmutige „Wie lieblich sind Deine Wohnungen, Herr Zebaoth!“ sind in Chorklang gefasster Trost – sowohl seitens des Komponisten als auch der Interpreten dieses Abends, die hinter die Musik und ihre Aussage treten.

Im aufwühlenden „Denn es wird die Posaune schallen“ des sechsten Satzes und der rhetorischen Frage „Hölle, wo ist dein Sieg“ sowie im finalen Satz „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben“ zieht Bernius noch mal alle Register – es kommen einem die Dämonen und Fabelwesen eines Hieronymus Bosch in den Kopf und werden durch die sinnliche Art des Musizierens, die den Abend adelt, sogleich wieder vertrieben. Noch einmal klingt da Schuberts „schäumende Woge“ durch – aber eben auch jene balsamische Atmosphäre: „Und im glatten See weiden ihr Antlitz alle Gestirne.“ Am Ende des Deutschen Requiems steht nurmehr eines: die Ruhe des Trostes.

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