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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Musikalische Mimikri

BINGEN (30. Juli 2010). Ein Stück des Komponisten Marais trägt den Titel „Le voix humaine“ – zu deutsch: die menschliche Stimme – und dokumentiert ihre Ähnlichkeit mit dem Klang der Viola da Gamba. Insofern war es fast selbstverständlich, dass RheinVokal mit Hille Perl eine der besten Virtuosinnen auf diesem Instrument eingeladen hatte. Mit Lee Santana, Michel Godard und der Sängerin Linda Bsiri führte sie in der Villa Sachsen jetzt eine spanische Romanze auf.

Das Programm erwies sich jedoch als Mimikri und täuschte einen anderen Inhalt vor als letztendlich präsentiert: Wohl der Großteil des Publikums wird Renaissancemusik und entsprechenden Liedvortrag erwartet haben. Zu hören bekam es jedoch „Ya Cavalgado Calaynos“, eine tragische Liebesgeschichte um Ritter, Mauren und eine schöne Prinzessin – selbstverständlich im Original. Dem Publikum, das der ihrer harten Kantigkeit leider komplett beraubten Sprache lauschte, musste dies jedoch spanisch vorkommen, da man nicht wusste, worum es ging, klebte man nicht Zeile für Zeile an der Übersetzung im Programmheft.

Dies war aber nicht das größte Problem: Sängerin Linda Bsiri trug das musikalische Märchen fern jeder verständlichen Dramatik vor; wörtliche Rede wurde nahezu im gleichen Duktus wie die Erzählung zitiert oder Stimme und Stimmung kippten plötzlich in ein nicht erklärbares Flüstern, Sprechen oder Singen.

Blieben also die Instrumente, die den Vortrag Bsiris zuweilen trefflich überdeckten; nur selten konnte man die extrahierten Klänge der Viola da Gamba Perls und Santanas Vihuela-Spiel goutieren, in das sich ein besonderer Gast mischte: Michel Godard am Serpent, eines schlangenförmig gewundenen Basszink. Auf diesem, im Klang der Tuba ähnelnden Instrument, ließ der Künstler in die alte Musik eines Santiago de Murcia, Sebastian de Aguirre und Enriquez de Valderabbano sowie Kompositionen von Lee Santana eigene, verjazzte Passagen einströmen. Verwundert rieb man sich die Ohren, als Sängerin Bsiri dann auch noch zu einer einsaitigen Bassgeige ohne Resonanzraum griff und ihr knarzende Töne entlockte.

Statt kurzweiligem Kapsberger, maliziösem Marais oder samtigem Sainte-Colombe also ein Märchen, das recht bald ermüdete und ob seines seltsamen Konstrukts eher verstörte als begeistern konnte. Zuhause angekommen wählte man, so beides zur Hand, rasch ein Glas Rioja sowie die Perl-CD „Tinto“, um den Abend doch noch stilistisch zu erden – und der schöneren „Le voix humaines“ zu lauschen.

Einen Mitschnitt dieses Konzerts sendet SWR2 am 4. November 2010 ab 20.03 Uhr.

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